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Im April vor 75 Jahren eroberten französische Alliierte Reutlingen. Der Betzinger Rudolf Walz denkt noch heute an diese Zeit und an den späteren Oberbürgermeister Oskar Kalbfell.

Kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges eroberten die Alliierten Stück für Stück die Alb-Region vom Norden und vom Schwarzwald her. Am 20. April 1945 erreichten französische Soldaten Reutlingen, wo der Krieg zuvor 400 Menschen das Leben nahm. Der heute 90-jährige Betzinger Rudolf Walz glaubte damals nicht mehr an ein Wunder, sondern sah den Feind mit Sorge auf sich zukommen.

Einmarsch der Franzosen in Reutlingen

Französische Parade in Reutlingen (Foto: Stadtarchiv Reutlingen)
Französische Parade in Reutlingen Stadtarchiv Reutlingen Bild in Detailansicht öffnen
Blick in die luftskriegszerstöre Wilhelmstraße mit Nikolaikirche Stadtarchiv Reutlingen Bild in Detailansicht öffnen
Der zerstörte Bahnhof in Reutlingen Stadtarchiv Reutlingen Bild in Detailansicht öffnen
Bombenschäden in der Federnseestraße in Reutlingen Stadtarchiv Reutlingen Bild in Detailansicht öffnen
Französische Parade in der Reutlingen Gartenstraße Stadtarchiv Reutlingen Bild in Detailansicht öffnen
Motorrad-Rundstreckenrennen in der noch vom Krieg gezeichneten Stadt, 1948 Stadtarchiv Reutlingen Bild in Detailansicht öffnen
Die Reutlinger Stadtspitze nach dem Krieg: OB Kalbfell, Hans Kern, Otto Künzel und (ganz rechts) Fritz Wandel, 1946 Stadtarchiv Reutlingen Bild in Detailansicht öffnen

Die mutige Tat von Oskar Kalbfell

Walz' Familie war gut mit dem späteren Reutlinger Oberbürgermeister Oskar Kalbfell befreundet. Kalbfell sorgte an diesem besonderen Apriltag dafür, dass schlimmere Kämpfe und Zerstörungen in Reutlingen ausblieben. Mit einer weißen Fahne fuhr er am 20. April auf einem französischen Panzer den Soldaten entgegen und versprach ihnen eine kampflose Übergabe der Stadt. Einen Tag später wurde er zum kommissarischen Oberbürgermeister Reutlingens ernannt.

Kalbfell war überzeugter Gegner des NS-Regimes und äußerte seinen Unmut häufig im Turnverein, wo er als Übungsleiter unterrichtete. Rudolf Walz erinnert sich an seine Worte.

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"Kalbfell hat nach dem Turnen - während sich die Leute wieder angezogen haben - Reden gehalten gegen Hitler. Und hat gesagt, was es für Verbrecher seien, er hat richtig gehetzt gegen die Nazis."

Walz entkam der Kriegsgefangenschaft

Kurz nach dem Einmarsch der Franzosen sorgte Kalbfell dafür, dass der junge Walz, der von den Franzosen verhaftet und festgehalten wurde, wieder freigelassen wurde. Er entkam also der Kriegsgefangenschaft. Wie viele Jugendliche wurde er eingezogen und sollte auf der Alb auf feindliche Truppen schießen, aber der 15-Jährige hatte das Glück, nie zum Einsatz an der Panzerfaust zu kommen.

Weltkrieg und NS-Zeit darf nicht in Vergessenheit geraten

Hinsichtlich der aktuellen Entwicklung im rechten politischen Milieu sei das Gedenken an den Zweiten Weltkrieg und die Zeit des Nationalsozialismus wichtig und darf nicht vergessen werden, sagte Walz dem SWR.

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