100 Tage Krieg: Gefechte mindestens über den Sommer

Tübinger Osteuropa-Experte: Putin kämpft im Ukraine-Krieg bis zum Sieg

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Der Osteuropa-Experte aus Tübingen, Klaus Gestwa, sagt, der Ukraine-Krieg könnte noch lange dauern. Wladimir Putin werde an der vollständigen Unterwerfung der Ukraine festhalten.

Lange Kriegsdauer, Geflüchtetenwelle, wirtschaftliche Schäden: Der Direktor des Instituts für Osteuropäische Geschichte und Landeskunde, Professor Klaus Gestwa, hatte bereits direkt nach Kriegsbeginn die Entwicklung richtig eingeschätzt und treffend vorhergesagt. Er beobachtet die Entwicklungen in Russland und in der Ukraine seit Jahrzehnten und war häufig dort.

Klaus Gestwa (Foto: SWR)
Klaus Gestwa ist seit 2009 Professor für Osteuropäische Geschichte und Direktor des Instituts für Osteuropäische Geschichte und Landeskunde an der Universität Tübingen.

Russisches Militär hat Taktik geändert

Auch die wirtschaftlichen Folgen etwa durch die höheren Energiepreise in Deutschland hatte der Tübinger Osteuropa-Experte früh angedeutet. Nun stellt Gestwa fest, dass Wladimir Putin seine Taktik geändert habe. Die russische Armee gehe weg von einem großflächigen Eroberungskrieg und konzentriere sich auf die Gewinnung kleinerer Gebiete.

"Wir können momentan beobachten, dass die russische Armee ihre Schlag- und Feuerkraft auf einige Regionen im Donbass konzentriert."

Gestwa: Putin will vollständige Unterwerfung der Ukraine

Klaus Gestwa geht fest davon aus, dass das Kriegsgeschehen den Sommer über weiter gehen werde. Putin wolle erst eine Entscheidung auf dem Schlachtfeld erzwingen, um dann in Verhandlungen mit der Ukraine seine Bedingungen diktieren zu können. Der Osteuropa-Experte der Universität Tübingen geht davon aus, dass Putin an der vollständigen Unterwerfung der Ukraine und der Verschiebung der sicherheitspolitischen Geometrie in Europa festhalten wolle. Die Welt sei nach dem Ukraine-Krieg tatsächlich eine ganz andere, viel unsicherer und auch viel unkalkulierbarer, sagte Gestwa im Interview mit dem SWR.

Russland zum Krieg gespalten

Klaus Gestwa, der sonst regelmäßig in Russland war, hat jetzt weniger Kontakt zu seinen Kolleginnen und Kollegen, versucht aber die Verbindung zu halten. Viele der institutionellen Kooperationen mit Russland sind seit Kriegsbeginn ausgesetzt worden. Das liege auch daran, dass sich viele Hochschulen und führende Personen aus dem akademischen Betrieb zu Putins Kriegs-Kurs bekannt haben, so Klaus Gestwa. Seine russischen Kolleginnen und Kollegen, mit denen er auch Projekte realisiere, seien zum Glück alle durchweg vom Krieg entsetzt. Viele befürchten, dass Russland bald so etwas wie ein großes Nordkorea werden könnte.

Russische Propaganda vergiftet Seele

Gestwa weiß, dass einige Russen darüber nachdenken, dauerhaft nach Deutschland auszureisen. "Da kommt noch eine Emigrationswelle auf uns zu. Viele Kollegen halten es gerade kaum aus in Russland", sagte Klaus Gestwa im SWR-Gespräch. Es sei unheimlich schwer, sich der Kriegs-Propaganda in Russland zu entziehen. Die enthemmte Feind- und Hass-Propaganda vergifte die Seele vieler Menschen und auch das soziale Miteinander. Menschen, die Kritik am Krieg üben, müssen mit Strafen rechnen. Das bekommen auch Freunde des Tübinger Osteuropa-Experten in Russland zu spüren.

Kritik am Ukraine-Krieg wird bestraft

Einige von Gestwas Kolleginnen und Kollegen demonstrierten öffentlich gegen den Krieg. Das habe dazu geführt, dass sie verstärkt von der Hochschulleitung oder der Leitung der Akademie unter Druck gesetzt werden, so Gestwa.

"Ich gehe davon aus, dass einige russische Kollegen noch in den nächsten Monaten ihre Anstellung verlieren werden."

Andere Kollegen hätten festgestellt, dass in den sozialen Netzwerken gegen sie Kampagnen geführt würden, in denen sie als ausländische Agenten oder auch als Volksfeinde beschimpft würden. Gestwa vermeidet es, am Telefon mit seinen russischen Freunden über den Krieg zu sprechen, weil mitgehört werden könnte. Einige Bekannte hätten schon von sehr merkwürdigen Entwicklungen berichtet.

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