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Wieder einmal hat ein einzelner Satz des Tübinger OB Boris Palmer (Grüne) eine Welle der Empörung ausgelöst. Ein Satz aus einem Fernsehinterview, der den Umgang mit dem Coronavirus kritisiert. Sandra Müller kommentiert:

Was für ein Satz. Er klingt nach "Lasst sie doch sterben", "Lohnt sich doch nicht", "Warum die Alten noch behandeln?" Empörend, in der Tat. Das wäre es, wenn Palmer das auch so gesagt hätte. Hat er aber nicht. Der fragliche Satz fiel zwar so. Aber davor und danach kamen noch andere. Und aus denen wird jedem, der aufmerksam zuhört, klar: Palmer will alte Covid-19-Patienten nicht unbehandelt sterben lassen. Er stellt vielmehr zwei Welten provokativ gegenüber. Hier Deutschland, wo man Wirtschaft und Handel massiv einschränkt, um jedes Leben zu retten und zu verlängern. Dort Afrika, wo möglicherweise wegen dieser Einschränkungen künftig mehr Kinder am Hunger sterben könnten. Und ja: So eine Gegenüberstellung ist schwer auszuhalten. Und schrecklich. Und doch darf und sollte man darüber nachdenken.

Einzelne Aussage raus gepickt

Das tut Palmer seit Wochen, auch auf seiner Facebook-Seite. Er tut das oft wenig empathisch. Wie es seine Art ist. Und provokativ. Wie es seine Art ist. Das Talent, sich auszumalen, wie so schonungslose Sätze auf andere wirken, scheint ihm abzugehen, schon immer. Und wer ihn kennt, weiß: Er gefällt sich auch in dieser Rolle des schonungslosen Provokateurs. Schön ist das nicht. Und oft auch empörend. Aber mich empört auch, dass andere das Spiel auf die Spitze treiben, indem sie einen einzelnen Satz aus einem langen Interview picken und auf eine Art auslegen, die hörbar nicht gemeint war.

Das Große im Blick haben

Viele Statements zu dem Satz – und es sind wirklich viele, von Politikern aller Parteien und Sprechern jeder Menge Interessensverbände – lesen sich mutwillig und so, als hätten viele nie das ganze Interview angeschaut. Das ist höchst bedauerlich. Denn Politik darf nicht über einzelne Sätze streiten. Politik muss das Große und Ganze im Blick haben, jetzt mehr denn je. Und dazu gehört, sich über das Richtige zu streiten. Also nicht über Palmers Unfähigkeit, seine Worte besser zu wägen. Sondern darüber, wie wir gemeinsam Corona noch besser bekämpfen können. Weltweit. Und dazu finden sich in dem Interview jede Menge Anregungen.

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