STAND
AUTOR/IN

Tübingens OB Palmer hat in der Vergangenheit häufig für Empörung gesorgt und wurde mit Aufmerksamkeit belohnt. Doch jetzt scheint das Maß bei seinen Parteifreunden voll zu sein. Ein Kommentar.

Er hat Empörung gewollt. Er hat Empörung bekommen, mal wieder. Nur dieses Mal fehlen mir dafür die Worte - uns allen, hab ich den Eindruck. Denn ja: Unser Anstand hindert uns, das, was Boris Palmer (Grüne) da geschrieben hat, wortwörtlich zu wiederholen - so obszön und schamlos ist der Satz. "Eines Oberbürgermeisters unwürdig," so formuliert es Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne).

Nur: "Was hat er denn nun geschrieben", fragen mich Freunde, Nachbarn und Familie. Tja, was soll ich sagen? Elf Worte. Nur elf Worte. Eines davon: das N-Wort. Oder: Nein. Um genau zu sein: "N****schwanz." Ein Wort, das ich in der Bedeutung zuletzt von pubertierenden Teenagern und rassistischen Hetzrednern gehört habe, und das ich hier wiederhole, weil man anders, scheint mir, nicht mehr vermitteln kann, wie gewollt OB Palmer hier provoziert hat.

Satire in elf Worten

Das war endgültig kein Zufall mehr, kein Versehen. Palmer macht auch keinen Hehl daraus. Das sei Satire gewesen, sagt er. Respekt! Satire in elf Worten. Von einem Oberbürgermeister auf Facebook hingeknallt, unvermittelt, völlig unerwartet, als Reaktion auf einen einzelnen Kommentar und ohne erklärende Bezüge. Ein Satz wie eine Axt. Und erst nach Stunden liefert Palmer scheibchenweise Zusatzinfos. Er habe das einem Kommentator geantwortet, der ihn schon oft provoziert habe. Ein Teil des Satzes sei ein Zitat. Angeblich anderswo gefallen. Wo, warum genau, in welchem Zusammenhang?

Wer es verstehen will, muss tief in die Eingeweide des Internets vordringen, wie so oft, bei Palmers Provokationen: Sie lassen sich nicht mehr verstehen ohne gedankliche Salti und kilometerlange Zusatzlektüre. Ermüdend. Selbst dann, wenn man ahnt, vermutet oder weiß, dass Palmer da wichtige Themen anspricht. Oft genug tut er das ja.

So berichtet SWR Aktuell im Fernsehen über den von den Grünen angestrebten Parteiausschluss gegen Palmer:

Video herunterladen (3,8 MB | MP4)

Warum provoziert Palmer?

Aber ganz offensichtlich reicht ihm das nicht. Er will lieber tagelang erklären, warum ihm ein Thema wichtig ist und was er eigentlich sagen wollte. Denn nur so kriegt er jede Menge Gelegenheiten dazu - in so vielen Talkshows, Interviews und Gastartikeln wie kaum ein anderer Politiker dieser Republik. Empörung verursachen hat sich für Palmer also noch immer gelohnt. Nur sind manche jetzt halt empörungsmüde. Seine Parteifreunde zum Beispiel, die jetzt finden: Das Maß ist voll. Doch ob Palmer das verstanden hat? Ich glaube nicht.

Er selbst jedenfalls hat das anstehende Ausschlussverfahren schon wieder zur großen Bühne erklärt. Er hat freudig selbst dafür gestimmt, um wieder und von Neuem zu erklären, worum es ihm eigentlich geht. Wo doch in Wahrheit nur eine Erklärung nötig wäre, warum ein OB nicht endlich einfach gleich Sätze sagen und schreiben kann, die man versteht und die man wiederholen kann, ohne sich wie ein vulgärer Teenager oder Rassist zu fühlen. Es könnte so einfach sein.

Tübingen

Grünen-Politiker eckt seit Jahren immer wieder an - eine Übersicht Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer - bekannt für provokante Äußerungen

Boris Palmer ist kein Politiker, der sich mit seiner Meinung zurückhält. Nicht nur im Verlauf der Corona-Pandemie sorgte er immer wieder für Wirbel.  mehr...

Tübingen

Nach Rassismusvorwurf Grünen-Ausschlussverfahren gegen Tübinger OB Palmer könnte bis zu sechs Monate dauern

Das Parteiausschlussverfahren der Grünen gegen den Tübinger OB Palmer könnte bis zu sechs Monate dauern. Davon geht die Parteispitze offenbar aus. Palmer hatte mit Aussagen über Ex-Fußballnationalspieler Aogo für Empörung gesorgt.  mehr...

Rückblick:

Reutlingen/Tübingen

Er will wieder "Parteifreund" sein Versöhnen sich die Grünen mit Tübingens OB Palmer?

Es schien, als würden sie sich nie wieder grün: Tübingens umstrittener Oberbürgermeister Boris Palmer und seine Partei die Grünen. Doch jetzt gibt es eine Wiederannäherung.  mehr...

STAND
AUTOR/IN