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Der Theologe Hans Küng ist tot. Er starb im Alter von 93 Jahren am Dienstag in Tübingen, wie eine Sprecherin der Stiftung Weltethos mitteilte. Kirche und Politik würdigten den Kirchenkritiker.

Hans Küng, einer der renommiertesten Theologen weltweit und Begründer der Stiftung Weltethos, ist am Dienstagmittag im Alter von 93 Jahren in seinem Haus in Tübingen gestorben. Der von 1960 bis 1996 in Tübingen lehrende Schweizer hat die katholische Kirche maßgeblich mitgeprägt. In den vergangenen 30 Jahren engagierte sich Küng vor allem für den Dialog der Weltreligionen, insbesondere im "Projekt Weltethos".

17.03.2015, Baden-Württemberg, Tübingen: Der Theologe Hans Küng stellt beim Tübinger Presseclub seine 24-bändige Gesamtausgabe vor.  (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance / Daniel Naupold/dpa | Daniel Naupold (Archiv; Bearbeitung: SWR))
Hans Küng war einer der renommiertesten Theologen weltweit. picture alliance / Daniel Naupold/dpa | Daniel Naupold (Archiv; Bearbeitung: SWR)

Anlehnung an Philosophie Kants

Die Gründung eines entsprechenden Institutes an der Universität Tübingen 2011 bezeichnete er als Anerkennung dieser Arbeit. "Nicht zuletzt, weil meine Jahre gezählt sind und ich möchte, dass mein Lebenswerk nach meinem Tod fortgeführt wird", sagte Küng damals.

Hinter dem Projekt stehe die Überzeugung, ohne Frieden unter den Religionen könne es keinen Frieden unter den Staaten geben. Küng hatte 1990 das Buch "Projekt Weltethos" veröffentlicht und war darin in Anlehnung an die Philosophie Immanuel Kants der Frage nach einer alle Menschen und alle Religionen verbindenden Wertehaltung nachgegangen.

Briefwechsel mit dem Papst

Für seine Arbeit erhielt Küng viele Auszeichnungen, darunter mehr als ein Dutzend Ehrendoktorwürden. Seine in mehr als 30 Sprachen übersetzten Bücher wie "Unfehlbar?", "Christ sein" und "Existiert Gott?" wurden Bestseller mit Millionenauflagen. Doch neben den Erfolgen eckte Küng auch an.

Seit Anfang der 1960er-Jahre, also noch vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962 bis 1965), hatte sich der Konflikt um Küng angebahnt, bei dem es auch um die Frage ging, wie Jesus Christus verstanden werden soll. Küng plädierte immer wieder für eine innerkirchliche Erneuerung und eine ökumenische Öffnung mit dem Ziel der Vereinigung der Kirchen. Er sah sich als "loyalen katholischen Theologen".

Lehrerlaubnis wegen Kritik entzogen

1979 hatte Rom ihm die Lehrerlaubnis entzogen, unter anderem wegen Kritik an der Lehre der Unfehlbarkeit des Papstes. Als Papst Benedikt XVI. 2005 Küng in Castel Gandolfo in Italien empfing, sorgte das weltweit für Aufsehen. Dabei ging es um das Weltethos-Projekt und das Verhältnis von Naturwissenschaft, Vernunft und Glaube, nicht um kirchliche Lehrfragen. Danach gab es einen Briefwechsel zwischen dem später zurückgetretenen Papst und Küng.

Küng, der auch die Zeitschrift für Theologie "Concilium" mitbegründete, erhielt auch Ehrenbürgerwürden, das Bundesverdienstkreuz mit Stern und wissenschaftliche Preise. Den letzten großen öffentlichen Auftritt hatte Küng im Frühjahr 2018. Die Stiftung Weltethos und die Universität hatten zu seinem 90. Geburtstag ein wissenschaftliches Symposium ausgerichtet, an dem unter anderen viele theologische Schüler Küngs teilnahmen und eine Bilanz seines Schaffens zogen.

Steinmeier, Kretschmann und andere würdigen Küng

Kirche und Politik würdigten am Dienstag Küngs Wirken: Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier nannte Küng ein "bleibendes Vorbild eines Gelehrten, eines brillanten Denkers mit scharfem Verstand, der gleichzeitig wacher politischer Beobachter und engagierter Mitbürger war". Er habe nicht nur sein Fach "für viele Menschen verständlich vertreten, er hat auch in engagierter Weise immer das politische und geistige Leben kritisch und konstruktiv begleitet".

Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) nannte Küng einen vehementen Streiter für den Dialog der Religionen und Kulturen. Küng habe sich für die humanistischen Prinzipien der Gewaltlosigkeit, Gerechtigkeit und Wahrhaftigkeit eingesetzt. "Mit seinem beeindruckenden theologischen Wirken war Hans Küng für viele Menschen - mich eingeschlossen - ein wichtiger und wegbereitender Lehrer in Fragen des Glaubens, des ethischen Handelns und der Deutung des Weltgeschehens." Küng habe das offene und kritische Wort nie gescheut - auch zu dem Preis, sich selbst starker Kritik oder gar kirchlichen Interventionen auszusetzen, so Kretschmann.

Deutsche Bischofskonferenz: Anerkannter und streitbarer Forscher

Die Deutsche Bischofskonferenz würdigte Küng als einen anerkannten und streitbaren Forscher. "In seinem Wirken als Priester und Wissenschaftler war es Hans Küng ein Anliegen, die Botschaft des Evangeliums verstehbar zu machen und ihr einen Sitz im Leben der Gläubigen zu geben", erklärte der Konferenzvorsitzende, der Limburger Bischof Georg Bätzing, in Bonn. Auch der Rottenburger Bischof Gebhard Fürst bescheinigte Küng essenzielle theologische Grundlagenarbeit und bedeutende Anstöße. Küng sei "ein kritischer, aber großer Theologe" gewesen.

Auch die Universität Tübingen bekundete ihre Trauer. Mit Küng verliere die Hochschule "einen produktiven Forscher, einen überaus schöpferischen Gelehrten und einen exzellenten Theologen", sagte Rektor Bernd Engler. Der Theologe habe mit dem Institut für Ökumenische Forschung und dem Weltethos-Institut Einrichtungen von bleibender Bedeutung geschaffen und damit die Universität tiefgreifend geprägt. Die auf Küng zurückgehende "Stiftung Weltethos" und das Tübinger Welethos-Institut würdigten den Theologen als einen visionären Vordenker für eine gerechtere und friedlichere Welt. Er habe seit Jahrzehnten daran gearbeitet, mit der Weltethos-Idee Verantwortung in der Wirtschaft und Frieden zwischen den Kulturen zu fördern.

Palmer: Ehrenbürger Küng soll auf Stadtfriedhof Ruhestätte finden

Der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer (Grüne) bezeichnete Küng als einen der großen geistigen Persönlichkeiten unserer Zeit. Tübingen verliere mit ihm viel, im Menschen wie im Wissenschaftler und Schriftsteller, teilte Palmer mit. Küng, der 2002 die Auszeichnung als Ehrenbürger von Tübingen erhalten hatte, solle auf dem Stadtfriedhof seine Ruhestätte finden, teilte Palmer mit. "Dort, wo die großen Toten unserer Stadt begraben sind."

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