Blumen vor einer Mauer mit der Aufschrift "Mahnen" (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild | Ralf Hirschberger)

Holocaust-Gedenktag von Rottenburg bis Zwiefalten

Veranstaltungen zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus

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Am 27.Januar 1945 befreiten sowjetische Soldaten das Vernichtungslager Auschwitz. Seit 1996 ist dieser Tag dem Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus gewidmet.

Rottenburgs katholischer Bischof Gebhard Fürst kommt am Donnerstagvormittag in die Gedenkstätte des ehemaligen KZ Hailfingen/Tailfingen. Gemeinsam mit dem Rottenburger Oberbürgermeister Neher, dem Gäufeldener Bürgermeister Schmid und Vertretern der israelitischen Religionsgemeinschaft und des Gedenkstättenvereins erinnert er an die Opfer des Holocausts. Der Hailfinger Flugplatz sollte 1944 erweitert werden, damit Nachtjäger starten und landen konnten. Rund 2.000 Kriegsgefangene, Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge wurden zur Arbeit an dem Flughafen gezwungen. Dabei starben 189 von ihnen. 1945 wurde Hailfingen geräumt, die überlebenden Häftlinge auf verschiedene Konzentrationslager verteilt, wo viele von ihnen starben.

Jüdisches Altenheim in Tigerfeld

Im Mittelpunkt einer Gedenkfeier im Zentrum für Psychiatrie in Zwiefalten stehen am Donnerstagnachmittag die lokalen und regionalen Dimensionen der Judenverfolgung. Während des Zweiten Weltkriegs waren in der Heilanstalt Zwiefalten auch jüdische Patientinnen und Patienten untergebracht, die später in Grafeneck ermordet oder anderswo Opfer des Holocaust wurden. Außerdem hatten die Nationalsozialisten jüdische Zwangsaltenheime eingerichtet. Die Menschen, die dort wohnen mussten, wurden später fast alle in den Vernichtungslagern ermordet. Eines dieser jüdischen Wohnheime war in Tigerfeld, nur wenige Kilometer von Zwiefalten entfernt. Die Geschehnisse dort im Jahr 1942 thematisieren Schüler der Münsterschule Zwiefalten. Die Hintergründe und die Bezüge zur Psychiatrie in Zwiefalten erläutert Bernd Reichelt vom Forschungsbereich Geschichte und Ethik in der Medizin.

Das Zentrum für Psychiatrie in Zwiefalten (Foto: dpa Bildfunk, Thomas Warnack)
Das Zentrum für Psychiatrie Zwiefalten Thomas Warnack

Erinnern auch auf dem Friedhof Wankheim

Am Nachmittag findet auf dem jüdischen Friedhof in Wankheim bei Tübingen eine Gedenkveranstaltung des Fördervereins für jüdische Kultur Tübingen statt. Der Landkreis Tübingen gedenkt der Opfer des Nationalsozialismus mit einer Online-Veranstaltung ab 18:30 Uhr. Dabei werden die Preisträger des Lilli-Zapf-Preises bekannt gegeben. Dieses Jahr möchte die Jury mit dem Preisgeld ein erinnerungskulturelles Projekt stärken, dem sie ein besonderes gesellschaftliches Interesse beimisst. Außerdem erhalten 23 Jugendliche ihre Zertifikate als Jugendguides. Sie begleiten künftig Gruppen zu Gedenkstätten oder stellen bei Führungen einzelne Aspekte des Nationalsozialismus heraus, insbesondere Zusammenhänge zu NS-Verbrechen. Und schließlich wird bei der Online-Veranstaltung die geplante Sanierung des Jüdischen Friedhofes Wankheim vorgestellt.

Jüdischer Friedhof Wankheim (Foto: SWR, Tobias Rager)
Ein besonderer Ort, der Geschichten erzählen kann. Der Wald um den Friedhof ist im Laufe der Jahrhunderte gewachsen. Er trägt zur Atmosphäre bei. Zugleich gefährden manche Bäume aber auch die Grabsteine. Tobias Rager

Musik zum Gedenktag in Hechingen

In der Synagoge Hechingen findet am Abend ein Konzert statt unter dem Motto "In den finsteren Zeiten / wird da auch gesungen werden?". Das Programm versucht, eine Antwort auf diese titelgebenden Worte Bertolt Brechts zu finden – oder, genau genommen, viele verschiedene. Denn neben Werken jüdischer Komponisten und Dichter aus Theresienstadt tragen Tarek El Barbari (Gesang, Rezitation, Klavier) und Philip Dahlem (Klavier) auch armenische, arabische, sephardische, katalanische und deutsche Musik und Texte vor.

Universität stellt Datenbank vor

Die Universität Tübingen hat in einer Datenbank biografische Informationen über tausend Menschen zusammengestellt, die nach ihrem Tod während der NS-Zeit ohne ihr Einverständnis in der dortigen Anatomie landeten. Die Toten kamen laut einer Mitteilung der Universität aus Gefängnissen, Lagern, Heilanstalten oder Pflegeeinrichtungen. Es handelte sich um Kriegsgefangene, Zwangsarbeiter, Widerstandskämpfer oder Deserteure. Ihre Biographien wurden im Rahmen des Tübinger Forschungsprojekt „Gräberfeld X“ ermittelt.

Gräberfeld X Tübingen (Foto: SWR, Beschorner)
Gräberfeld X in Tübingen Beschorner

Zuvor seien nur wenige Lebensgeschichten bekannt gewesen, sagte Projektleiterin Benigna Schönhagen. Das Projekt ist nach dem Friedhofsareal benannt, auf dem alle Toten anonym beigesetzt wurden, die am Anatomischen Institut der Uni Lehr- und Forschungszwecken dienen mussten.

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