Menschen vom "Aktionsbündnis Zement Zollernalb Tübingen Reutlingen" stehen mit einem Protestplakat auf der Treppe vor der Tübinger Stiftskirche, darauf steht: "HOLCIM vergiftet Mensch und Umwelt! Schluss damit!" (Foto: SWR)

Aktionsbündnis will weniger Schadstoffe

Protest gegen Müllverbrennung in Zementwerk von Dotternhausen geht weiter

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Seit Jahren wehren sich Menschen in Dotternhausen gegen das Zementwerk der Firma Holcim wegen der Müllverbrennung dort. Am Freitag äußerte sich ein Experte zur Schadstoffbelastung.

Menschen vom "Aktionsbündnis Zement Zollernalb Tübingen Reutlingen" stehen mit einem Protestplakat auf der Treppe vor der Tübinger Stiftskirche, darauf steht: "HOLCIM vergiftet Mensch und Umwelt! Schluss damit!" (Foto: SWR)
Demonstranten auf dem Tübinger Holzmakt: Protest gegen das Zementwerk der Forma Holcim in Dotternhausen

Die Kritiker des Zementwerks setzten große Hoffnungen in den Vortrag. Denn der Verein für Natur- und Umwelt Zollernalb (NUZ) hatte Josef Waltisberg in die Festhalle nach Dotternhausen (Zollernalbkreis) eingeladen. Der Ingenieur hat über 20 Jahre beim Zementhersteller Holcim gearbeitet. Er war dort für den Umweltschutz zuständig. Heute ist er ein Kritiker der Müllverbrennung in Zementwerken.

Schwere Vorwürfe gegen Zementwerke

Oft gelange bei den Zementwerken mehr Gift in die Luft als von den Werken selbst angeben, sagt Waltisberg. Er hat selbst Messungen gemacht und auch den Sachverständigenrat der Bundesregierung beraten. Doch an der grundsätzlichen Situation hat sich nichts geändert: Zementwerke dürfen in Deutschland weiterhin Müll verbrennen. Das "Aktionsbündnis Zement Zollernalb – Tübingen Reutlingen" ärgert das.

Kritik am Regierungspräsidium Tübingen

Knapp 100 Menschen haben deshalb vergangenen Samstag auf dem Tübinger Holzmarkt protestiert. Sie fordern unter anderem ein Ende der Müllverbrennung in dem Werk. Ihre Wut richtet sich vor allem gegen das Regierungspräsidium Tübingen. Das nämlich erlaubt dem Zementwerk der Firma Holcim seit einigen Jahren die Verbrennung von Müll und es erteilt Ausnahmegenehmigungen.

Menschen stehen vor der Stiftskirche Tübingen und hören einer Kundgebung gegen das Zementwerk Dotternhausen zu. Ein Transparent fordert: "Schluss mit der Sondergenhmigung für die Giftschleuder des Zementwerks in Dotternhausen." (Foto: SWR)
Demo in Tübingen: Manche waren aus Dotternhausen angereist.

Mehr Schadstoffe als in normalem Müllkraftwerken

Deshalb darf das Zementwerk mehr Schadstoffe ausstoßen als reine Müllkraftwerke, darunter Schwefel und Schwermetalle. Das soll aufhören, forderten die Menschen auf der Demo in Tübingen. Das Regierungspräsidium soll außerdem anordnen, dass Holcim modernere Filter in das Zementwerk einbauen muss. Die derzeitigen Filter seien veraltet und nicht geeignet, die Giftstoffe zurückzuhalten, die beim Verbrennen von Müll entstehen.

Mehr Kontrollen gefordert

Es müsse mehr Kontrollen geben, forderte Beate Zöld vom "Aktionsbündnis Zement". Es reiche nicht, die Schadstoffe nur wie bislang einmal im Jahr zu messen. Es müsse eine umfassende Umweltverträglichkeitsprüfung von unabhängiger Seite geben. Außerdem soll das Regierungspräsidium Tübingen die Herstellung von Zement in Dotternhausen ganz grundsätzlich überdenken.

Menschen demonstrieren vor der Tübinger Stiftskirche. Ein Protestschild richtet sich an den Tübinger Regierungspräsidenten: "Herr Tappeser, warum fördern sie diesen Umweltskandal der Holcim AG?" (Foto: SWR)
Forderung an Tübingens Regierungspräsident Tappeser: Er soll die Müllverbrennung im Zementwerk Dotternhausen beenden.

Kritik am Wachstum des Zementwerks

Das Zementwerk baut am Plettenberg immer mehr Kalk für den Zement ab. Das Regierungspräsidium hat in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder Erweiterungen genehmigt. Es sei aber an der der Zeit einen grundsätzlichen Strukturwandel zu planen – weg vom Zement, weg vom Beton, so die Forderung der Initiative. Beides braucht viel Energie in der Herstellung und verursacht klimaschädliches CO2.

Gegner aus der Region

Dem "Aktionsbündnis Zement Zollernalb-Tübingen-Reutlingen" gehören sieben Initiativen an, darunter Attac und Fridays for future. Beate Zöld aus Dotternhausen hat das Aktionsbündnis mitbegründet. Der Protest dehnt sich damit in die Region aus.

"Was in Dotternhausen in die Luft geht, ist schließlich in zwanzig Minuten auch hier in Tübingen."

Zementwerke entsorgen überall in Baden-Württemberg Müll

Landesweit gibt es sechs Zementwerke in Baden-Württemberg. Sie alle verbrennen statt Kohle inzwischen auch Müll, darunter Autoreifen, Tierfett und Klärschlamm. Der Müll feuert die Zementöfen an und die Deponien werden entlastet. Auch der Zollernalbkreis sei froh, dass das Zementwerk tonnenweise Müll verbrennt, vermutet Beate Zöld vom Aktionsbündnis. Doch die Müllentsorgung dürfe nicht zulasten der Menschen in der Region passieren.

Untersuchungen deuten auf mehr Schadstoffe hin

Die Angst der Menschen rund um das Zementwerk wird gestützt von neuen wissenschaftlichen Untersuchungen, an denen der renommierte Abfallexperte Harald Schönberger von der Uni Stuttgart mitgewirkt hat. Demnach kann die Müllverbrennung in Zementwerken zu einem deutlichen Anstieg verschiedener Schadstoffe führen, wie er in einem Beitrag von "Report Mainz" erklärt hat.

Müllverbrennung ist rechtens

Der Streit um die Müllverbrennung im Zementwerk in Dotternhausen dauert nun schon fünf Jahre. Zuletzt hatten im Juli 150 Menschen die Zufahrt zum Zementwerk blockiert.

Schon vergangenes Jahr hatte Norbert Majer, der Vorsitzende des Vereins für Natur und Umweltschutz Zollernalb, vor dem Verwaltungsgericht Sigmaringen gegen die Ausnahmegenehmigungen für den Zementhersteller Holcim geklagt. Das Verwaltungsgericht Sigmaringen hat die Klage damals allerdings abgewiesen.

Mehr Schadstoffe als gesetzlich erlaubt

Demnach darf der Zementhersteller Holcim in Dotternhausen auch weiterhin mehr Schadstoffe in die Luft blasen, als gesetzlich erlaubt sind. In der Verhandlung hatte das Gericht auf den Ermessensspielraum des Regierungspräsidiums Tübingen verwiesen. Das RP dürfe gesetzlich vorgeschriebene Schadstoff-Grenzwerte, etwa für Kohlenmonoxid, im Einzelfall anheben.

Ende der Schlupflöcher gefordert

Das „Aktionsbündnis Zement“ fordert deshalb eine grundsätzliche Änderung der Gesetzeslage. Das Thema gehöre in den Bundestag. Das Emissionsschutzgesetz müsse grundlegend geändert werden. Es dürfe nicht länger Schlupflöcher geben, die es Regierungspräsidien ermögliche, Ausnahmegenehmigungen für die Müllverbrennung in Zementwerken zu geben. Der Vortrag von Josef Waltisberg soll dafür weitere Argumente liefern. Er spricht am Freitag ab 20 Uhr in der Festhalle Dotternhausen.

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