Energieversorger erhöhen Strompreise - auch in Südbaden (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa | Federico Gambarini)

Strom-und Gaspreisentwicklung in der Region

Welche Preiserhöhungen die Stadtwerke in Tübingen, Freudenstadt und Reutlingen noch planen

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Gas- und Strompreise steigen derzeit stark an. Einige Energielieferanten haben ihren Kunden bereits gekündigt. Die Grundversorger nehmen jeden auf, doch zu welchem Preis?

Niemand muss wegen eines gekündigten Vertrags befürchten, nicht mehr mit Strom oder Gas beliefert zu werden. Energie fließt immer, denn jeder wird von den örtlichen Grundversorgern aufgefangen. In der Region müssen Neukunden derzeit in der Grund- oder Ersatzversorgung höhere Gas- und Strompreise zahlen als Bestandskunden. Allerdings sind laut eines Sprechers der Stadtwerke Tübingen künftig auch wieder Preissenkungen denkbar.

Welche Preise haben Neukunden zu erwarten?

Laut den Tübinger Stadtwerken liegen die Preise für Neukunden je nach Energieart und Verbrauch derzeit um 50 bis 80 Prozent über den Preisen für Bestandskunden. Sollten Kunden eine Kündigung von ihrem bisherigen Strom- oder Gasanbieter erhalten haben, sei "eine Weiterversorgung im Rahmen der Grundversorgung auch über die drei Monate der Ersatzversorgung sichergestellt", erläutert ein Sprecher der Tübinger Stadtwerke auf SWR Nachfrage. Desweiteren könnten alle Neukunden, die in die Ersatzversorgung gefallen sind, jederzeit auch einen günstigeren Sondertarif mit entsprechenden Laufzeiten wie "TüStrom Sicher" oder "TüGas Sicher" abschließen.

Die Faierenergie Reutlingen hat den Tarif für die Grundversorgung von rund 25 Cent auf rund 43 Cent seit 1. Januar 2022 angehoben. Dies teilte ein Sprecher der Fairenergie auf SWR Nachfrage mit. Er wies daraufhin, dass Neukunden jederzeit, auch ohne Kündigung, wieder aus der Ersatzversorgung kämen. Kümmerten sich Kunden drei Monate nicht um einen Wechsel, würden Gas- oder Strom über die Grundversorgung laufen. Auch diese könne mit einer zweiwöchigen Kündigungsfrist wieder verlassen werden, so der Sprecher der Fairenergie. Aufgrund der angespannten Lage könnten derzeit allerdings keine längerfristigen Sondertarife angeboten werden.

Von den Stadtwerken Freudenstadt heißt es, dass die Preisentwicklung derzeit schwer abzuschätzen sei. Drei Monate lang müssten die Stadtwerke als Ersatzversorger einspringen, wenn Haushalte von ihren Lieferanten im Stich gelassen würden. Was dazu an Strom und Gas notwendig sei, müssten die Stadtwerke zu den aktuell stark schwankenden und recht hohen Tagespreisen nachkaufen. Diese Kosten würden an die Kundschaft weitergegeben, was zu einem deutlich höheren Preis führe. Für Neukunden bei den Stadtwerken Freudenstadt ist der Preis pro Kilowattstunde in der Ersatzversorgung seit Ende Dezember etwa doppelt so hoch wie für Bestandskunden. Neukunden zahlen etwa 75 Cent pro Kilowattstunde, Bestandskunden 34 Cent.

Sind Preissteigerungen auch für Bestandskunden möglich?

Laut der Sprecher der Stadtwerke Freudenstadt und der Fairenergie Reutlingen sind für Bestandskunden dieses Jahr keine Preiserhöhungen bei Strom und Gas geplant.

Die Stadtwerke Tübingen hingegen schließen wegen des weiterhin hohen Preisniveaus an den Energiemärkten eine Preiserhöhung auch für Bestandskunden in den kommenden Monaten nicht aus. Jedoch seien Anpassungen teilweise auf Grund der Vertragslaufzeiten auch erst zum Jahreswechsel möglich. Darüber hinaus sei in den nächsten Wochen allerdings auch mit Preissenkungen in den Neukundentarifen der Grund- und Ersatzversorgung zu rechnen, sagte der Sprecher der Tübinger Stadtwerke.

Kritik von Verbraucherzentrale - wie gehen die Stadtwerke damit um?

Dass Neukunden für ihre Strom-und Gasverträge bei den Stadtwerken deutlich tiefer als Bestandskunden in die Tasche greifen müssen, hält die Verbraucherzentrale in Baden-Württemberg für rechtswidrig. Sie will zur Überprüfung der Rechtslage die Energiekartellbehörde einschalten. Die Energieversorger selbst begründen die Unterscheidung zwischen Neu- und Bestandskunden mit den derzeit höheren Einkaufspreisen.

Der Geschäftsführer der Landesgruppe Baden-Württemberg des Verbands kommunaler Unternehmen (VKU), Tobias Bringmann, hält die Kritik der Verbraucherzentrale für "überhaupt nicht gerechtfertigt". In der Grundversorgung seien viele finanziell schwache Kunden, die kein Angebot von anderen Versorgern erhielten. Wer dagegen auf die höchste Einsparung setze, bezahle dies mit einem höheren Risiko. Deshalb seien die gesplitteten Grundversorgungstarife auch ein Gebot sozialer Gerechtigkeit, so Bringmann.

"Stadtwerke löffeln die Suppe aus, die ihnen fragwürdige Marktakteure eingebrockt haben."

Den Bestandskunden Mehrkosten aufzubürden, wenn Anbieter einseitig Lieferverträge kündigten, weil die Beschaffungspreise explodieren, hält er für den falschen Weg.

Ähnlich sehen es die Stadtwerke Freudenstadt und Tübingen. "Die rechtliche Bewertung der Zulässigkeit von neuen Tarifen ist aus unserer Sicht eindeutig, zumal sich auch schon Regulierungsbehörden, wie die Landeskartellbehörde Nordrhein-Westfalen oder Niedersachsen dazu geäußert und keine Bedenken gehabt haben", sagte ein Sprecher der Tübinger Stadtwerke dem SWR. Insbesondere der Schutz der großen Mehrheit der Bestandskunden habe oberste Priorität. Es würden lediglich die Mehrkosten bei der Beschaffung an die Neukunden weitergegeben, um nicht alle Bestandskunden damit belasten zu müssen.

Was Verbraucher jetzt tun können

"Wir können Kunden nur raten: Achten Sie auf die Seriosität. Ein kurzfristig günstiger Preis nützt wenig, wenn der Anbieter unseriös vorgeht und dann kündigt, wenn es brenzlig wird oder er Pleite geht", rät Bringmann von der VKU. Neukunden könnten außerdem jederzeit wieder aus der Grund- bzw. Ersatzversorgung herauswechseln und so wieder Kosten einsparen. Darüber hinaus könnten Neukunden auch Tarife bei den Stadtwerken mit einer längeren Laufzeit wählen, die günstiger als die Grundversorgung seien, so Bringmann. "Kein Kunde bleibt auf der Strecke. Das ist unser Verständnis von Daseinsvorsorge. Alle werden versorgt."

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