Straßencafe am Marktplatz in Tübingen (Foto: SWR, Nadine Ghiba)

SWR 2-Impuls Gespräch zur Corona-Modellstadt

Wissenschaftliche Begleitung des Tübinger Modells läuft schleppend

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In Tübingen will man testen, ob mehr Lockerungen während der Corona-Pandemie möglich sind. Forscher erhoffen sich auch bessere Daten zum Virus. Doch die wissenschaftliche Begleitung des Versuchs lässt bislang zu wünschen übrig. Christine Langer hat im SWR 2 Interview mit Sandra Müller aus dem SWR Studio Tübingen gesprochen.

Christine Langer: 

Seit zehn Tagen läuft in Tübingen der Modellversuch. Wer nach einem Schnelltest vor Ort negativ ist, bekommt ein Tagesticket und kann damit einkaufen gehen, draußen im Café sitzen und Kuchen genießen oder sogar ins Theater. Also der erste Schritt Richtung Normalität. Und das, obwohl fast überall die Fallzahlen gerade nach oben gehen. Zur Halbzeit beim Modellversuch [erst nach dem Gespräch wurde der Versuch bis 18. April verlängert], die Frage, ob das Konzept funktioniert. Das wird auch wissenschaftlich begleitet.  

Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer, die Pandemiebeauftragte Lisa Federle und die Landesregierung haben die Uni Tübingen dafür gewonnen, konkret: ein Forschungsteam um den Tübinger Infektiologen Peter Kremsner. Was genau wird da wissenschaftlich festgestellt? Und wie läuft das? Das klären wir jetzt. Mit Sandra Müller. Sie ist SWR-Reporterin im Studio Tübingen. Sandra, auch im Landkreis Tübingen steigen die Corona Zahlen. Boris Palmer weist Kritik an dem Modellversuch aber zurück. Der Landkreis sei nicht dasselbe wie die Stadt Tübingen. Wie sieht es denn mit den Fallzahlen in der Stadt Tübingen aus in die gestiegen? 

 Sandra Müller:

Tatsächlich ist es im Kreis zuletzt recht kontinuierlich nach oben gegangen, ganz aktuell auf über 71. Tübingen, die Stadt, liegt dagegen bei jetzt gut 35, lag aber vergangene Woche noch bei 21. Also da hat es jetzt einen besonders großen Sprung gegeben nach Wochen recht gleichförmiger Inzidenzen in der Stadt von unter 30. Und klar, jetzt stellen sich alle die Frage: Was sagt uns das jetzt? Ehrlicherweise muss man sagen: Noch nicht viel. Denn der Versuch läuft eben erst seit zehn Tagen. Und alle wissen, dass solche Maßnahmen und die Auswirkungen auf die Neuinfektionen sich immer erst mit Verzögerung zeigen.  
 
Ganz generell muss man außerdem sagen: Die Inzidenz ist vielleicht gar kein guter Wert, um den Erfolg der Modellstadt zu bewerten. In einer Stadt, in der zigtausend Tests die Woche gemacht werden - 30.000 sind es im Moment allein für die Modellstadt, und zusätzlich ja noch mal 30.000 in Tübinger Schulen, Kitas, Unternehmen – da wird man mit ziemlich sicherer Wahrscheinlichkeit mehr Corona-Fälle finden als anderswo. Also: Man rechnet sogar mit einem Anstieg der Inzidenz. 
 

Entscheidend wird aber sein: die Positivrate. Also: Wie viele der vielen Schnelltests sind positiv? Dazu gibt’s erste Hinweise. Denn seit Beginn der Modellstadt waren das 108 von insgesamt knapp 50.000 Tests, sagt die Pandemiebeauftragte Federle. Darunter waren aber auch viele falsche, weil sie in der Kälte lagen und Tests dann falsche Ergebnisse geliefert haben. [Und es wird erst noch vollends untersucht, wieviele der positiven Schnelltests auch noch positiv sind, wenn man sie mit PCR testet. Auch beim regulären Einsatz gibt es nämlich ein Fehlerquote.] Da sieht man die Fallstricke. Und man wird jetzt insgesamt erst mal gucken müssen - ganz ausgeruht am Ende - wie sich das über die Zeit verändert.  
 
Langer: 
Okay, also diese Positivrate scheint ja schon mal sehr, sehr gering zu sein bei diesen Schnelltests. Jetzt haben wir schon gesagt, das Projekt wird wissenschaftlich von der Uni Tübingen begleitet. Was gucken Sie sich denn die Forscherinnen und Forscher da an? Nur diese Schnelltests wie läuft das?  
 
Müller:  
Ja, die gucken sich die Positivrate an, gucken auch, wie viele Mutanten sind darunter. Das ist eine sehr wichtige Frage. Sie machen auch Zusatzerhebungen. Für die werden Menschen, die sich in Tübingen schnelltesten lassen, nach ihren Lebensumständen gefragt, zum Beispiel: Arbeiten Sie im Homeoffice? Leben Sie mit Kindern zusammen? Man will so herausfinden, wer sich tendenziell häufiger ansteckt. Das wäre auch eine wirklich wichtige Sache. Aber ehrlicherweise muss man auch da sagen: Das ganz große Ergebnis kann man nicht erwarten. Die Forscher haben die Erhebung aus dem Boden stampfen müssen, weil die Modellstadt so kurzfristig ausgerufen wurde. Sie haben erst mit einer Woche Verspätung mit der Erhebung angefangen und nur eine Handvoll Studierende gefunden, die die Fragen stellen. Alles ziemlich improvisiert und nicht ideal. Das sagen die Forscher auch selber. Professor Kremsner hat im Gespräch gesagt, das liefe schon recht holprig. Das hätte man eigentlich besser machen können. Aber halt nicht unter diesem Zeitdruck.  
 
Langer:  
Dass es „mit Verspätung“ losging, damit meinst du jetzt konkret diese Befragungen zu Lebensumständen? Das sind ja wirklich Daten, die uns bisher immer fehlen. Wir wissen ja gar nicht so genau, in welchen Berufsbereichen es besonders viele Infektionen gibt. Das wäre ja eigentlich total interessant, das jetzt zu erfahren.  
 
Müller:  
Absolut, das wäre super interessant, das wäre auch super wichtig. Aber die Forscher sind eben kurzfristig genötigt worden, die Modellstadt zu begleiten mit dem Fragebogen. Die haben den innerhalb von fünf Tagen aus dem Boden stampfen und erst noch genehmigen lassen müssen. Und dann ist die Modellstadt schon wieder vorbei und es gibt auch kein weiteres Geld für diese Erhebung. Also das ganze ist eine eigenartige Sturzgeburt und am Schluss will sich niemand um das Kind kümmern. Das ist wirklich traurig, dass man das nicht schon viel früher angefangen hat, ausgeruht angefangen hat oder über die Modellstadt hinaus weiterführt. Vielleicht tut sich da noch was. Ich fände das  sehr wichtig, aber sieht nicht danach aus. [Wenige Stunden nach dem Gespräch wurde die Modellstadt und damit auch die Erhebung verlängert bis zum 18. April. Das hilft jetzt auch der Wissenschaft.] 
 
Langer: 
Wir haben gerade schon gesagt, es ist jetzt Halbzeit bei dem Projekt. Das endet jetzt dann in zehn Tagen wieder. Kann man denn dann jetzt eigentlich sagen, was das Projekt aus wissenschaftlicher Sicht dann überhaupt bringt und welche Aussagekraft das hat?  
 
Müller: 
Ja, im Moment ist das wirklich schwer abzuschätzen. Ich befürchte, die Antwort heißt: Da kann alles rauskommen und nichts. Die Erwartungen scheinen mir im Moment etwas hoch gehängt. Es steht und fällt jetzt eben alles mit den Daten, die die Wissenschaftler doch noch erheben können. Auch die Auswertung der Positivrate und wie viele Mutanten darunter sind, wird ganz schön schwierig, weil man ja nur drei Leute an drei Teststationen sitzen hat und gar nicht viele Leute mitkriegt, die positiv getestet worden sind. Also die Stichprobe der positiv Getesteten könnte am Schluss sehr, sehr klein sein - nur 40, 50 Leute und daraus dann eine wissenschaftlich wertvolles statistische Aussage abzuleiten? Das könnte echt schwierig werden. Ich nehme fast an, am Schluss wird der Hauptlerneffekt der Modellstadt gar kein wissenschaftlicher sein, sondern ein organisatorisch-pragmatischer.  
 
Also: Ist es zu schaffen, so viele Tests zu machen für die, die einkaufen und ins Theater wollen. Ist das bezahlbar? Wie viele positive fischt man raus? Und wieviel bringt es dem Handel? Lohnt sich das also, wenn man das gegenrechnet? Das wird man sagen können und klar: Es bringt Leben zurück in die Stadt. Aber der Aufwand ist echt gigantisch, wenn man durch die Stadt geht. Es ächzt und stöhnt an allen Ecken, so viele Leute sind damit beschäftigt. Ob man das als Normalbetrieb, als Muster, nehmen kann - und das ist eine Hoffnung, die ganz viele damit verbinden - ich glaube, das ist einfach zu hoch gehängt.  
 
Die Forscher haben auch heute explizit gesagt: Sie weigern sich, zur Halbzeit Daten rauszugeben. Das geht einfach nicht. Das wird auch nach Ende der Modellstadt in zehn Tagen noch mal mindestens 14 Tage dauern, bis man irgendetwas dazu sagen kann. Ich glaube, wir brauchen einfach Geduld.  
 
Langer: 
Jetzt sind wir aber in Tübingen nicht nur die Tübinger. Es kommen ja sicherlich auch Gäste von außerhalb. Wird da eigentlich auch im Nachgang dann noch untersucht, wer sich dann vielleicht in den kommenden Tagen dann doch infiziert hat?  
 
Müller: 
Leider nicht, das ist auch eine große Lücke, die nicht zu schaffen war. Denn in der Tat wäre es auch interessant gewesen zu fragen: Infizieren sich unter den Bedingungen, wie wir sie jetzt in Tübingen haben, weniger Menschen beim Einkaufen und im Theater als anderswo? Dazu hätte man aber die Leute nicht nur beim Besuch hier bei uns testen müssen, sondern auch wenn sie dann wieder gehen, in einer Woche in zwei Wochen noch einmal. Und man hätte testen müssen: Wie hoch ist die Rate derer, die dann infiziert sind? Und ist die höher als bei anderen, die anderswo Einkaufen waren oder nicht einkaufen waren? Und das können die Forscher leider nicht machen. Das ist eine Lücke, die bleiben wird. Leider.  

Langer: 
Sprechen wir noch mal schnell über die Schnelltests. Wie gut sind die denn eigentlich überhaupt geeignet, um Infizierte zu erkennen? 

 

Müller: 
Das ist eine super heikle Frage. Gar nicht so einfach zu beantworten. Vor zwei Tagen erst gab es dazu eine Review, also eine Überprüfung von einem unabhängigen Netzwerk aus Wissenschaftlern, von der Cochrane Collaboration. Die haben Schnelltest-Untersuchungen abgeglichen weltweit und kommen zu dem Schluss: Schnelltests sind bei Menschen, die keine Symptome haben, sehr sehr schlecht im Erkennen von Infektionen. Die Rede ist von 50 bis 70 Prozent – so viele werden erkannt. Das hängt auch vom Typus Schnelltest ab. Das heißt aber eben: bei Menschen, die wie in Tübingen so ganz ohne Symptome getestet werden, werden nur 50 bis 70 Prozent derer, die infiziert sind, festgestellt. Das klingt jetzt erschreckend, denn die anderen 30 bis 50 Prozent, die gehen dann ja als scheinbar uninfiziert ins Theater, ins Straßencafe, zum Einkaufen und sind in Wahrheit doch infiziert.  
 
Jetzt müssen wir aber zwei weitere Gedanken- und Bewertungssalto machen. Denn, richtig: Der Schnelltest erkennt bei weitem nicht jeden infizierten Menschen, erkennt aber wenn, dann solche, die schon länger infiziert sind, also schon viele Viren in sich haben, heißt: solche, die besonders ansteckend sind. Das wäre gut, denn genau um die geht es ja, um die Ansteckenden. Und trotzdem könnte das jetzt ein Problem werden, denn - ich hab's angekündigt, das ist der Bewertungssalto zwei: Diese Schnelltests reagieren ja vor allem auf die Menge der Viren, und sie erkennen offenbar für das herkömmliche Virus eine gute Schwelle, also: die Schwelle, ab der die Virenlast ansteckend ist und damit gefährlich für andere. Wenn jetzt aber zunehmend auch Viren im Spiel sind, die schon bei viel niedriger Viruslast genauso ansteckend sind oder noch ansteckender, dann werden wir die auch mit den vielen Schnelltests nicht finden. Und ich sehe, was das bedeutet hier in der Modellstadt: Viele Menschen sind mit so einem negativen Test so befreit, so glücklich, die vergessen alle anderen Vorsichtsmaßnahmen. Die Stadt ist voll mit Menschen ohne Masken, obwohl es immer noch eine Maskenpflicht gibt. Sie rücken enger zusammen, machen Gruppenfotos und der Satz „wir sind ja negativ getestet“, den hört man inzwischen überall. Und das kann gefährlich werden: Dann nämlich ,wenn wir besonders viele ansteckende Mutanten überall haben und die Leute sich mit Negativ-Test zu sicher fühlen und dann alle anderen Vorsichtsmaßnahmen außer Acht lassen. Dann könnte das zu einer Explosion der Infektionen führen. Und genau deswegen ist es so wichtig, dass die Tübinger Forscher sich das anschauen: Wie weit sind die Mutanten schon verbreitet? Und was bedeutet es dann für die Aussagekraft und für die Kontrollmöglichkeiten von so massenhaften Schnelltests? Sehr, sehr wichtige Frage 

Langer: 
Und deshalb sprechen wir da auch immer wieder drüber in SWR2 Impuls. Ein Schnelltest ist immer nur eine Momentaufnahme, und man muss parallel dazu auch noch Maske tragen, Abstand halten, so gut es eben geht.  
 
Tübingen öffnet teilweise mit Schnelltests im Modellversuch und ist damit auch Vorbild für andere. Aber bei der wissenschaftlichen Begleitung des Modellversuchs, gibt es noch einige Lücken. Darüber habe ich mit meiner Kollegin Sandra Müller aus dem SWR Studio Tübingen gesprochen. 

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