Reformator des Instituts für Volkskunde an der Universität Tübingen

Neuer Drive für den Heimat-Begriff - Tübinger Professor Bausinger ist 95

STAND
AUTOR/IN

Der Vater der Empirischen Kulturwissenschaft, Hermann Bausinger, feierte am Freitag 95. Geburtstag. Er hat das ehemalige Institut für Volkskunde in Tübingen entscheidend geprägt.

Audio herunterladen (6,2 MB | MP3)

Die in der Nazizeit gegründete Volkskunde in Tübingen befasste sich mit Dingen des Alltags, allerdings beschränkte sie sich dabei auf einen bäuerlichen Alltag, den es vielfach so schon nicht mehr gab. Sie sammelte Volkspoesie, Volkssitten und Volksbräuche. Bausinger wollte das Fach von allem Rassischen und Völkischen befreien.

"Tarzan-Professor" befasste sich mit Comics

Der Professor hat mit seinen Dozenten und Studierenden untersucht, was tatsächlich in der Bevölkerung üblich ist. Dazu gehörten Fußgängerzonen, Tourismus, Theater- und Fußballvereine, Moden, Geflüchtete und Dialekt und sogar Comic-Hefte. Deswegen wurde Bausinger auch "Tarzan-Professor" genannt.

Hermann Bausinger, em. Professor für Empirische Kulturwissenschaft an der Universität Tübingen 1966 am Schreibtisch.  (Foto: SDR, 1966)
Hermann Bausinger, em. Professor für Empirische Kulturwissenschaft an der Universität Tübingen 1966 am Schreibtisch. SDR, 1966

Er hat den Begriff "Empirische Kulturwissenschaft“ geprägt und damit die Richtung der einstigen Volkskunde an der Tübinger Uni und weit darüber hinaus neu vorgegeben. Bausinger forscht auch 30 Jahre nach seiner Emeritierung noch immer, schreibt und bringt sich in aktuellen Diskussionen ein.

 Archiv mit volkskundlichen Dokumenten abgebrannt

Umso größer war die Sorge um ihn, als vor vier Jahren in Tübingen ein Haus abgebrannt war, in dem er sein Büro hatte und sein Archiv mit Manuskripten, Bild- und Tondokumenten. Als Bausinger von dem Feuer erfuhr, galt sein Mitgefühl dem Brandstifter, der darin umgekommen war. Um all die Dokumente trauerte er weniger.  

"Mein Lebenswerk wäre zerstört, wenn ich Architekt wäre und wenn das das einzige Haus wäre, das ich gebaut hätte." 

 Vater der Empirischen Kulturwissenschaft

Hermann Bausinger, 1926 in Aalen geboren, hat nach Wehrdienst und Kriegsgefangenschaft in Tübingen Germanistik, Geschichte und Volkskunde studiert. 1960 wurde er Professor für Volkskunde. Das Institut war in der Nazizeit gegründet worden und hatte sich als germanische Altertumswissenschaft beschäftigt. 

Fach der modernen Kulturwissenschaft

Damit hat Bausinger aufgeräumt und das Institut zu einem modernen Fach in der soziologischen Forschung umgewandelt. Bei all dem, so Bausinger, dürfe man nie den Fehler machen zu glauben, das scheinbar Vertraute schon zu kennen.  

 Bausinger schreibt an an einem neuen Buch

Bausinger schaut noch immer genauer zu. Gerade schreibt er wieder an einem Buch.Er sei im Kopf absolut fit. Noch mit 90 habe er Tennis gespielt. Das mache er jetzt nicht mehr, weiß der der jetzige Institutsdirektor Reinhard Johler.

"Er hat die eine und die andere Malaise, leider, aber das hindert ihn glaub ich nicht daran, den Geburtstag mit Freude Menschen zu treffen, gemeinsam zu feiern, auch in die Zukunft zu denken, drum kann man nur sagen: Alles Gute, Hermann Bausinger." 

Mehr zum Thema

Tübingen

Dialekte, Fasnet, Landwirtschaft: Unseren Alltag erforschen 50 Jahre Empirische Kulturwissenschaft in Tübingen

"Volkskunde" passte schon länger nicht mehr zur Forschung am Tübinger Ludwig-Uhland-Institut. Vor 50 Jahren fiel Hermann Bausinger der neue Name ein. Der war Programm.  mehr...

STAND
AUTOR/IN