Auf dem Campus Galli werden Wollknäule bunt gefärbt (Foto: SWR)

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Campus Galli: Handspindel und Rasenschnitt

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Vom frischen Wollvlies zur fertigen Tunika: Mit Handspindel, Holzkamm und Färbedistel entstehen auf der mittelalterlichen Klosterbaustelle Kleidungsstücke für die Mitarbeiter.

Es ist echte Handarbeit, bis aus dem etwas verfilzten, mit Stroh gespickten Schaffell ein dünner Faden oder eine fein gewobene Tunika wird. In zwei großen Weidekörben neben der Weberei warten bereits zwei geschorene Schafsvliese auf die Weiterverarbeitung. Noch sind sie ziemlich verschmutzt und eher grau-braun als weiß . Darum heißt es für jedes Vlies vor der eigentlichen Verarbeitung: ab ins Wasser.

In einem Holzbottich neben der Weberhütte schwimmt bereits ein Stück Wollvlies im kalten Wasser. Vorsichtig zieht Weberin Mechthild jede einzelne Spitze, die durch Schmutz, Staub, Fett und Schafschweiß verklebt ist, auseinander. So wird das Fell gereinigt und die Fasern werden sortiert, nach langem, feinem Deckhaar, Unterwolle und Stichelhaaren.

Mit zwei Holkämmen werden die Wollstränge auf dem Campus Galli nochmals gesäubert (Foto: SWR)
Mit zwei Holkämmen werden die Wollstränge auf dem Campus Galli nochmals gesäubert

Zeit ist auf dem Campus Galli relativ

1-2 Tage müssen stark verschmutzte Wollvliese manchmal im Wasserbottich einweichen. Bei anderen, nicht so verschmutzen Fellen, reicht es, die Wolle immer wieder zu spülen. Erst dann kann sie weiterverarbeitet werden. Wie lange sie z.B. für eine Borte oder ein Leinekleid braucht, das weiß Mechthild nicht genau. Am Holzverschlag der kleinen Weberhütte hängt ein Umhang. Den 80 Zentimeter auf 2 Meter großen Umhang hat Mechthild vor einigen Jahren hergestellt. Fünf bis sechs Wochen hat sie insgesamt dafür gebraucht. Ein größeres Kleidungsstück benötigt schon mehr Zeit.

Wenn die Wolle gewaschen ist, muss sie noch getrocknet werden. Erst dann geht's an die Endreinigung. Mechthild schnappt sich zwei grobe Holzkämme mit langen, dunklen Zinken. Nach und nach hakt sie die Wolle in die Zinken. Anschließend wird Stück für Stück mit dem anderen Kamm ausgekämmt, immer von den Spitzen nach hinten. Dann ist auch das letzte Knötchen herausgekämmt und die Fasern sind fein säuberlich voneinander getrennt. Mechthild zieht die lockeren Wollfasern mit viel Gefühl in die Länge und schnappt sich die kleine Handspindel aus dunklem Holz.

Weberin Mechthild löst die Verklebungen der Wolle in einem Holzbottich (Foto: SWR)
Weberin Mechthild löst die Verklebungen der Wolle in einem Holzbottich

Handspindel ist einer der ältesten handwerklichen Geräte

Die Handspindel sieht auf den ersten Blick ein bisschen wie ein großer Holzkreisel aus. Unten am Schaft des langen Spinnstockes hängt der Wirtel, das Spinngewicht. Wie ein Kreisel dreht sich die Holzspindel in Mechthilds einer Hand, während sie in der anderen die lockeren Fasern hält und den Faden bei jeder Drehung in die richtige Form zwirbelt. Wenig Fasern für einen dünnen Faden und eben mehr, wenn er dicker werden soll. Mit den Fingern schubst Mechthild die Spindel immer wieder an. Durch die Drehung werden die Fasern dann zum Faden gezwirbelt.

Die Handspindel ist eines der ältesten Handwerkergeräte der Menschheit. Schon 6 Jahrtausende v. Chr. gibt es Funde von Spinnwirteln. Fast bis ins 15. Jahrhundert war die Handspindel das Gerät, um aus grober Wolle feine Fäden zu spinnen. Erst dann wurde das Spinnrad, das man auch aus vielen Märchen kennt, erfunden.

Schwangere Regenwurmphase

Der Faden, den Mechthild nach und nach auf die Spindel wickelt, ist dünn und sieht aus, als sei er maschinell hergestellt worden. Übung macht auch hier den Meister, lacht Mechthild. Seit 2015 ist die Weberin auf dem Campus Galli. Ihre ersten Fäden sahen anders aus und waren wesentlich ungleichmäßiger. Nach und nach hat sie das Spinnen mit der Hand aber perfektioniert.

"Die erste Phase vom Spinnen lernen, die wird auch schwangere Regenwurmphase genannt. Das hat so seine Gründe."

Aus einem etwa handlangen Wollstrang kann Mechthild einen bis zu 10 Meter langen Faden spinnen. Später wird der Faden entweder vernäht oder verwoben.

In Töpfen sind die Färbmaterialien aus Pflanzen aufbewahrt (Foto: SWR)
In Töpfen sind die Färbmaterialien aus Pflanzen aufbewahrt

Mit Zwiebelschale zum schönen Messinggelb

Während die Weberin weiter an dem Faden spinnt, wird’s nebenan bunt. Auf einem Holztisch vor Weberin Gises Hütte Wollgarne in dunklem Rot, leuchtendem Gelb und saftigem Grün. Daneben viele kleine Töpfchen, in ihnen getrocknete Pflanzen, Nuss-und Zwiebelschalen. Gise ist Handwebemeisterin und hat schon viel Leinen und Wollen gefärbt. Meist sucht sie sich die Pflanzen selbst zusammen, wie etwa Färbedistel, aus der beim Färben ein schön leuchtendes Gelb entsteht.

In einem anderen Töpfchen liegen getrocknete Zwiebelschalen. Ein schönes Messinggelb entsteht, wenn man die Schalen mit der Wolle und Wasser in einem Zinktopf färbt. Allerdings mag diese Färbung kein Licht: Der Gelbton blasst bei jedem Tragen in der Sonne mehr und mehr aus. Besser hält sich die Farbe mit den grünen Walnussschalen. Ein sattes Dunkelbraun entsteht, wenn man das Material in heißem Wasser einweicht und einige Zeit im Sud lässt.

Am Gewichtswebstuhl wird auf dem Campus Galli Kleidung gewoben (Foto: SWR)
Am Gewichtswebstuhl wird auf dem Campus Galli Kleidung gewoben

Auch mit Rasenschnitt kann man Färben

Gise hat schon viel mit Pflanzen experimentiert. Färben kann man mit allem, was grüne Blätter hat. Ob nun Haselnussstrauch oder Birkenblatt. Selbst mit dem Rasenschnitt, meint sie mit einem Augenzwinkern, könne man die Wolle grün färben.

Die Mode im frühen Mittelalter war eben nicht grau in grau. Der Hochadel ließ sich seine Gewänder mit Grabwurz färben. So entstand ein saftiger Rotton. Auch Goldfäden wurden in die Kleidung gewoben. Das einfachere Volk musste sich da mit einem schmalen bunten Band begnügen.

Gise greift nach einem Paar Wadenwickel in verschiedenen Rottönen. Dieser mittelalterliche Strumpfersatz wurde an einem Gewichtswebstuhl gewoben. Zwei davon sind bei der Weberei in Gebrauch. An ihnen entstehen die Kleidungsstücke für die Mitarbeiter des Campus Galli.

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