Welche Bäume stehen in unseren Wäldern und wieviel CO2 speichern sie?

Geheimmission im Wald: Forstingenieure erheben Daten für die Bundeswaldinventur

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Alle zehn Jahre will die Bundesrepublik Deutschland es genau wissen: Wie viele Bäume stehen in unseren Wäldern? Wie viel Totholz gibt es? Die Bundeswaldinventur gibt Aufschluss.

Zwei Männer bahnen sich in einem Wald bei Reutlingen einen Weg durch dicht bewachsenes Gelände. Es geht über abgestorbene Äste hinweg, durch einen Bestand mit jungen Ahornbäumen, die aussehen wie dicht stehende Slalomstangen, und dann einen Abhang runter zu einem Bachbett. Einer der beiden Forstingenieure, Jan-Hendrik Hofmann, schaut auf sein GPS-Gerät. "Noch 66 Meter Richtung Osten!" ruft er und nimmt Kurs auf ein vor ihm verlaufendes Bachbett. Da müssen er und sein Kollege Matthias Sobotka drüber, wenn sie ihr Ziel erreichen wollen.

Die geheimen Messpunkte der Bundeswaldinventur

Die beiden sind auf dem Weg zu ihrem nächsten Messpunkt: zu einem im Boden vergrabenen Eisenstift. 80.000 solche Messpunkte gibt es in ganz Deutschland. An diesen Messpunkten wird alle zehn Jahre im Rahmen einer Bundeswaldinventur erfasst, wie sich der Wald verändert hat. Wo die Eisenstifte zu finden sind, ist geheim. Nur die Mitarbeiter der Bundeswaldinventur erhalten die Koordinaten. Sonst könnten Waldbesitzer den Wald an den Messpunkten besonders gut pflegen und so die Daten verfälschen.

Eisenstifte markieren die Punkte im Wald, an denen Daten für die Bundeswaldinventur erhoben werden (Foto: SWR, Ulrike Mix)
Eisenstifte markieren die Punkte im Wald, an denen Daten für die Bundeswaldinventur erhoben werden. Ulrike Mix

Mit einem Metallsuchgerät spüren die beiden Forstingenieure den Eisenstift auf. Über die Jahre ist er in den Boden eingesunken und deshalb mit bloßem Auge nicht zu sehen. Dann beginnt die Arbeit: In einem genau vorgegebenen Bereich zählen Jan-Hedrik Hofmann und Matthias Sobotka die nachwachsenden Jungbäume und kontrollieren sie auf Verbiss. Sie erfassen, wie viel Totholz am Boden liegt, und zählen die erwachsenen Bäume. Besonders schöne Exemplare werden genau vermessen.

Daten für die Holzindustrie und für Klimaberichte

Die Idee zur Bundeswaldinventur stammt aus den 1980ern, erklärt Professor Bastian Kaiser, der Rektor der Forsthochschule Rottenburg. Damals waren der saure Regen und das Waldsterben ein großes Thema. Waldbesitzer wollten mehr darüber erfahren, wie viele Bäume eigentlich in den Wäldern stehen und wie es ihnen geht. Die überraschende Erkenntnis der ersten Bundeswaldinventur 1986: Es gab viel mehr Holzmasse in den Wäldern, als die Fachleute gedacht hatten.

Bundeswaldinventur liefert genaue Daten

Die Holzmasse zu kennen, sei wichtig, sagt Bastian Kaiser. Durch sie lasse sich abschätzen, wie viel CO2 unsere Wälder eigentlich speichern. Ein wichtiger Parameter auch wegen des Klimawandels. Insgesamt schätzt man die CO2-Bindung der Wälder in Deutschland auf 130 Millionen Tonnen. Zum Vergleich: Die deutschen Treibhausgasemissionen lagen 2019 bei 800 Millionen Tonnen. Die Daten aus der Bundeswaldinventur fließen in den jährlichen Treibhausgasbericht ein, zu dem alle Länder verpflichtet sind, die 1997 das Kyoto-Protokoll unterzeichnet haben.

Jan-Hendrik Hofmann gibt alle für die Bundeswaldinventur erhobenen Daten in ein Computerprogramm ein (Foto: SWR, Ulrike Mix)
Jan-Hendrik Hofmann gibt alle für die Bundeswaldinventur erhobenen Daten in ein Computerprogramm ein. Ulrike Mix

In keinem Land auf der Welt gebe es bessere Daten über den Wald als in Deutschland, meint der Rektor der Forsthochschule Rottenburg, Bastian Kaiser. Damit das so bleibt, werden Jan-Hendrik Hofmann und Matthias Sobotka noch ein Jahr lang für die inzwischen vierte Bundeswaldinventur im Einsatz sein. Als eines von zehn Teams in Baden-Württemberg werden sie weiter fast täglich bei Wind und Wetter im Wald stehen – und Bäume zählen.

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