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Tübingen ist Corona-Modellstadt. In der Praxis heißt das: Es wird viel getestet, dafür ist aber auch vieles geöffnet. Aber was kostet so ein Projekt? Und: Wie geht es für die Modellstadt weiter?

Während Bund und Länder für große Teile von Deutschland bei ihrer jüngsten Konferenz härtere Beschränkungen beschlossen haben, läuft in Tübingen der Modelltest "Öffnen mit Sicherheit" weiter. Die Corona-Modellstadt Tübingen läuft seit 16. März. Für sie gelten unabhängig von den jeweils landes- und bundesweiten Beschränkungen Sonderregeln. Mehrfach wurden sie auch schon geändert – vor allem, weil zeitweise zu viele Menschen nach Tübingen kamen. Worum es generell geht, hat das Staatsministerium auf Anfrage des SWR Anfang März erklärt. Auch die Stadt und die Universität Tübingen haben dem SWR immer wieder Fragen zum Projekt beantwortet.

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Was soll das Projekt prinzipiell zeigen?

Mit dem Projekt soll geklärt werden, ob Städte das Infektionsrisiko niedrig halten können, auch wenn Geschäfte, Kultureinrichtungen und Dienstleister aufhaben, erklärte das das Staatsministerium auf Anfrage. Sollte das im Fall Tübingen funktionieren, zeigt das, dass ein sicheres Öffnen trotz einer relevanten Virusverbreitung möglich ist, so das Ministerium weiter. Außerdem solle mit dem Modellprojekt die Frage geklärt werden, wo sich die Menschen infizieren. Wissenschaftler wollen zum Beispiel erfragen, ob sich Menschen im Homeoffice seltener infizieren als andere.

Wie viel Geld gibt das Land für das Modellprojekt aus?

Wie das Staatsministerium dem SWR mitgeteilt hat, übernimmt das Sozialministerium für das Modellprojekt in Tübingen Kosten von bis zu 50.000 Euro. Das Geld geht unter anderem in die wissenschaftliche Begleitung und Auswertung des Projekts. Darüber hinaus habe sich das Sozialministerium verpflichtet, Sachkosten zu übernehmen. Darunter fallen zum Beispiel Schnelltests - sofern sie nicht auf Grundlage der Testverordnung des Bundes abgerechnet werden können.

Wie wird das Modell ausgewertet?


Ein Forschungsteam der Uni Tübingen sammelt Daten rund um das Projekt. Bislang überwacht das Team um den Tübinger Infektiologen Prof. Peter Kremser vor allem, wie viele der Schnelltests in Tübingen positiv ausfallen - laut einem Zwischenbericht von Anfang April: einer von tausend. Der Wert sei anfangs leicht gestiegen und jetzt stabil. Es gebe bislang also keine Anzeichen, dass die geöffneten Läden, Lokale und Kultureinrichtungen in Tübingen mehr Infektionen verursacht hätten. Ausschließen wollen die Forscher das aber noch nicht. Dazu seien weitere Daten nötig.

Die Uni möchte die Untersuchung deshalb ausweiten. Zum Beispiel möchte sie Infizierte aus Tübingen genauer befragen, um zu erfahren, wo sie sich angesteckt haben könnten. Die Uni würde außerdem gerne prüfen, wie oft in Tübingen Infektionen bei Schnelltests unerkannt bleiben. Die Uni bräuchte dafür zusätzlich 40.000 Euro. Bislang gibt das Land insgesamt 50.000 Euro für das Modellprojekt.

Rund 3.000 Menschen, die die Modellstadt Tübingen besuchen, hat die Uni bereits nach ihren Lebensumständen gefragt. Das Ziel: herausfinden, welche Lebensumstände eine Infektion mit dem Coronavirus möglicherweise begünstigen. Wer infiziert sich häufig, wer selten? Die wissenschaftliche Begleitung lief anfangs nach Angaben des Wissenschaftlers Kremsner "holprig". Man habe das Verfahren aus dem Boden stampfen müssen. Und es fehlte an Personal.  

Die wissenschaftliche Begleitung der Modellstadt steht auch grundsätzlich in der Kritik. Es fehle an klaren Rahmenbedingungen, Fragestellungen und Erkenntniszielen, bemängelt zum Beispiel der Virologe Christian Drosten.

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Wann wäre die Modellstadt ein Erfolg? Woran wird das gemessen?

Ob das Projekt ein Erfolg ist, wird sich laut Staatsministerium an mehreren Punkten zeigen:

  • an der Zahl der entdeckten Infektionen und der damit unterbrochenen Infektionsketten
  • daran, ob es gelingt, den Anstieg der Inzidenz zu mildem oder sie gar zu senken
  • an den Erfahrungen, die die Stadt bei der Beschaffung von Tests macht, und was sie beim Aufbau und Betrieb der Teststationen lernt
  • daran, ob sich durch die geöffneten Läden und Kultureinrichtungen mehr oder weniger Menschen infizieren
  • daran, ob und wie die Bürger und Einzelhändler das Angebot annehmen und bewerten

Wann würde das Projekt abgebrochen?

Das Infektionsgeschehen werde genau beobachtet und umfassend beurteilt, teilte das Staatsministerium mit. Dazu wird laut der Uni Tübingen auch untersucht, wie viele der Schnelltests in Tübingen positiv ausfallen. Diese "Positivrate" soll zeigen, wie weit das Virus bei Menschen verbreitet ist, die keine Symptome haben, aber dennoch andere anstecken können. Einen festen Schwellenwert, wann das Modell abgebrochen würde, gibt es nicht. Das werde je nach Lage und Gesamtschau entschieden, so Universität und Staatsministerium.

Klar ist für das Staatsministerium aber: Wenn das Modellprojekt sich selbst als ein Treiber des lokalen Infektionsgeschehen erweisen würde oder das Infektionsgeschehen außer Kontrolle geriete, wäre das Modellprojekt nicht mehr zu verantworten.

Was passiert, wenn das Projekt vorzeitig abgebrochen werden muss?

Falls der Versuch vorzeitig abgebrochen werden muss, garantiert das Land die Abnahme der überschüssigen Tests, so das Staatsministerium. Das wären bei Kosten pro Test von maximal sechs Euro insgesamt 1,4 Millionen Euro für die angenommenen rund 230.000 Tests. Diese Tests würden aber auch anderswo dringend benötigt. Es entstehe also in keinem Fall ein finanzieller Schaden.

Warum wurden die Regeln und Bedingungen für die Modellstadt schon mehrfach geändert?

Die Modellstadt Tübingen zog zwischenzeitlich zigtausende Gäste aus ganz Deutschland an. Die Stadt war überlaufen. Auch nachts waren viele Menschen unterwegs, manche alkoholisiert und gruppenweise ohne Masken. Der Versuch drohte "unbeherrschbar" zu werden, so die Pandemie-Beauftragte Lisa Federle.
Stadt und Landesregierung schränkten den Versuch daraufhin nach und nach ein. Inzwischen können sich nur noch Gäste für ein Tagesticket testen lassen, die im Landkreis Tübingen wohnen oder in der Stadt arbeiten, bzw. studieren. Seit dem 7. April dürfen Lokale auch in der Modellstadt keine Gäste mehr im Freien bewirten. Die Außengastronomie hat nach Ansicht der Stadt zu viele Menschen angelockt.
Stattdessen gilt ab 12. April eine zusätzliche Testpflicht für Betriebe.

Gibt es schon Nachahmer?

Viele Städte und Landkreise möchten Modellgebiet nach dem Vorbild Tübingens werden, darunter Villingen-Schwenningen. Oberbürgermeister Jürgen Roth hat sich deshalb an die Landesregierung gewandt. Die wissenschaftliche Begleitung sollten dort Freiwillige übernehmen. Das Land Baden-Württemberg hält derzeit weitere Modellvorhaben angesichts steigender Corona-Neuinfektionen für nicht angebracht. Das Ministerium für Soziales und Integration hat entsprechende Projektanträge vorerst auf Eis gelegt. Am 6. April hat jedoch das Saarland ein landesweites Modellprojekt mit Tests und Lockerungen gestartet.

Wären tägliche Schnelltests in ganz Baden-Württemberg möglich?

In Tübingen werden derzeit bis zu 60.000 Schnelltests pro Woche gemacht, rund 30.000 allein an den Teststationen der Modellstadt, also für Menschen, die einkaufen, ins Kino oder in Straßencafés wollen. Sie müssen für die Tests nichts bezahlen. Als Dauerbetrieb sei das nicht möglich, sagt Tübingens Pandemie-Beauftragte Federle. Es sei zu teuer. Jeder Test in Tübingen koste den Staat 15 Euro. Daher müsse man die Verantwortung für die Selbsttests "schon in die Hände der Bevölkerung geben".

Für Baden-Württemberg gilt: Jeder Bürger hat seit dem 8. März das Recht auf mindestens einen kostenlosen Schnelltest pro Woche. Für einen täglichen Test sei aber nicht ausreichend Material auf dem Markt, so das Staatsministerium - und zwar selbst dann nicht, wenn der Aufbau der entsprechenden Test-Möglichkeiten bereits abgeschlossen wäre.

Gibt es Zwischenergebnisse?

Ein Forschungsteam der Uni Tübingen begleitet den Tübinger Modellversuch. Es hat Zwischenberichte veröffentlicht – zuletzt am 6. April. Demnach fällt derzeit rund einer von tausend Schnelltests in Tübingen positiv aus. Der Wert sei anfangs leicht gestiegen und jetzt stabil. Es gebe bislang keine Anzeichen, dass die geöffneten Läden, Lokale und Kultureinrichtungen in Tübingen mehr Infektionen verursacht hätten. Ausschließen wollen die Forscher das aber noch nicht. Dazu seien weitere Daten nötig.

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