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Die Abschlussschüler an der Tübinger Gemeinschaftsschule West sind zurück im Klassenzimmer. Die Mittelstufe muss vorerst im Digitalunterricht bleiben. Die zunehmende Erschöpfung der Schüler im Homeschooling macht Schulleiterin Angela Keppel-Allgaier Sorgen.

Englisch-Unterricht vor dem Computer-Bildschirm - für Rektorin Angela Keppel-Allgaier mittlerweile ein gewohntes Bild. Doch ihre Achtklässler nehmen immer lustloser am Unterricht teil. Nach Monaten des Lockdowns sei bei den Schülerinnen und Schülern einfach die Luft raus, sagt die Schulleiterin.

Die Zehntklässler und die Oberstufenschüler habe man während des Lockdowns noch gut mit dem digitalen Unterricht erreicht. Auch bei den Fünftklässlern gab es kaum Probleme. Da seien die Eltern auch stärker hinterher und kümmerten sich, dass die Hausaufgaben gemacht und hochgeladen werden. Sorgen machen Keppel-Allgaier die Schülerinnen und Schüler der Mittelstufe. Die hätten sie und ihre Kolleginnen in den letzten Monaten nur schlecht erreicht.

Die Kameras blieben immer öfter ausgeschaltet und den digitalen Unterricht verfolgten ihre Schüler nur mehr passiv. Nur, wenn sich die Eltern einschalteten, kämen überhaupt ausgefüllte Aufgabenzettel zurück. Dabei sei die Klasse vor dem Lockdown sehr aktiv gewesen. Und das sei kein Einzelfall, auch viele Kollegen stellten bei den Schülern eine gewisse Homeschooling-Müdigkeit fest, sagt Keppel-Allgaier.

Zunehmende Belastung auch für die Lehrkräfte

Doch nicht nur die Schüler litten unter der Schulschließung. Auch für viele Lehrkräfte sei der Online-Unterricht eine Belastung. Viele seien vor allem zu Beginn des Lockdowns überfordert gewesen, sagt Keppel-Allgaier.

Der Organisationsaufwand nimmt zu

Sie hätte nie gedacht, dass eine Schule ohne Schüler so viel Arbeit machen könne, so die Rektorin. Zum laufenden Online-Unterricht komme jetzt noch die Organisation des Wechsel- und Präsenzunterrichts hinzu.

"Wir fangen die Schüler wieder ein"

Die Zahl der Schüler, die über psychische Probleme klagen, habe während des Lockdowns zugenommen. Die Schulsozialarbeiter an der Gemeinschaftsschule West hätten momentan mehr zu tun als sonst. Keppel-Allgaier ist aber zuversichtlich, dass die psychischen Probleme nach der Pandemie auch wieder weniger werden. Auch was die Abschlüsse an ihrer Schule angeht, macht sich Keppel-Allgaier keine Sorgen. Es werde keinen Corona-Abschluss geben, der weniger wert ist. Man müsse besonderen Respekt haben vor diesem Jahrgang und den Bedingungen, unter denen die Prüfungen stattfinden. Dass sie Schüler über die Zeit des Homeschoolings voll und ganz verloren habe, glaubt Keppel-Allgaier nicht. Man könne fast jeden wieder einfangen.

Sie würde sich wünschen, dass alle Schüler bald an die Schule zurückkehren können - sofern es die Entwicklung der Pandemie zulasse. Denn eine Schule ohne Schüler, das sei einfach keine richtige Schule.

"Unsere Schule lebt von den Kindern und Jugendlichen. Es fühlt sich einfach komisch an, in einer Schule zu arbeiten, in der keine Schüler sind."

Angela Keppel-Allgaier, Rektorin Gemeinschaftsschule West

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