Alte Orts-Mundarten gehen verloren

Tübinger Studie: Lob kann gefährdeten Dialekt bei Kindern bewahren

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Jungen und Mädchen in Baden-Württemberg sprechen kaum noch Dialekt. Das hat eine landesweite Studie der Universität Tübingen ergeben. Wichtig sei die Einstellung zum Dialekt.

Dialekte bringen Farbe, Humor und Vielfalt in die Sprache. Trotzdem sind sie vor allem bei jungen Menschen vom Aussterben bedroht. Dafür gebe es einige Gründe, heißt es bei der Tübinger Arbeitsstelle "Sprache in Südwestdeutschland".

Sprachforscher Hubert Klausmann von der Universität Tübingen. (Foto: Marijan Murat)
Laut Prof. Hubert Klausmann von der Uni Tübingen sprechen noch doppelt so viele Lehrer wie Schüler Dialekt, nämlich ein Viertel der Lehrkräfte. Marijan Murat

Lob statt Kritik für Schwäbisch

Hubert Klausmann vom Ludwig-Uhland-Institut für Empirische Kulturwissenschaft Tübingen leitet die Arbeitsstelle. Seit über 30 Jahren erforscht er Mundarten im süddeutschen Raum. Klausmann betont, dass der Anteil der Dialekt sprechenden Kinder steige, wenn sie dafür gelobt würden.

"In Bayerisch-Schwaben wird der Dialekt von den betreuenden Personen im Kindergarten viel häufiger als schön, als wichtig und als Vorteil angesehen als das in Baden-Württemberg der Fall ist. Und wird Dialekt bei einem Kind als positiv empfunden, so steigt der Anteil der Dialekt sprechenden Kinder."

"Erdbeergsälz" oder "Kutterschaufel und Kehrwisch" verstünden Kinder zum Beispiel an Reutlinger Grundschulen zwar noch. Aber im Unterricht sprechen sie kaum noch Dialekt, eher ein regional gefärbtes Hochdeutsch, so die Studie.

Das Wort "Dialekt" steht auf einer Tafel. Eine Studie hat die Dialekte bei Grundschülerinnen und Gründschülern in Baden-Württemberg untersucht. (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa | Daniel Karmann)
Es steht nicht gut um den Dialekt bei jungen Menschen. In Tübingen wurde eine Studie vorgestellt, für die über 700 Lehrkräfte befragt wurden. (Symbolbild) picture alliance/dpa | Daniel Karmann

"Landesweit spricht nur noch jeder neunte bis zehnte Schüler der ersten und zweiten Klasse den alten Ortsdialekt im Unterricht, rund 30 Prozent haben aber noch eine regionale Sprechweise."

Vor allem in Großstädten gehe die regionale Färbung deutlich verloren, sagte der Sprachwissenschaftler. Im Kreis Sigmaringen werde dagegen mit über 40 Prozent noch am meisten Dialekt im Unterricht gesprochen. Im Kreis Reutlingen sind es noch rund 25 Prozent. In diesen Regionen lohne es sich, den Dialekt zu fördern, so Klausmann.

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Wichtig: Positive Einstellung zum Dialekt

Klausmann appelliert an Eltern und Lehrkräfte, eine positive Einstellung zum Dialekt zu vermitteln. Sie seien wichtige Vorbilder. Die Leute müssten verstehen, dass sprachliche Variationen nicht nur etwas Normales seien, sondern ein Kulturgut, das es zu erhalten gelte.

Ausbildung muss für Dialekt sensibilisieren

Klausmann empfiehlt der Landesregierung, Mehrsprachigkeit in die Referendarsausbildung aufzunehmen. Die künftigen Lehrkräfte müssten dafür sensibilisiert werden, dass Dialekte nicht zu korrigieren, sondern zu fördern seien.

Sprachforscher Hubert Klausmann von der Universität Tübingen. (Foto: Marijan Murat)
Der Sprachwissenschaftler Hubert Klausmann geht davon aus, dass "Hannoverismus" für den Dialektverlust verantwortlich ist. Darunter versteht er den Irrglauben, dass man in Hannover das beste Deutsch spreche. Marijan Murat

Dialektinitiative des Landes

Für die Studie wurden über 700 Lehrkräfte von 13.600 Grundschülerinnen und Grundschüler befragt. Die Studie ist Teil der Dialektinitiative des Landes und wurde von der Eva-Mayr-Stihl-Stiftung gefördert. Diese hatte Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) vor vier Jahren gestartet.

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