In einem Labor des biopharmazeutischen Unternehmens Curevac in Tübingen (Archivbild) (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/Sebastian Gollnow/dpa)

Vom Start-Up zum Vorzeige-Unternehmen

Curevac-Gründer über den Erfolg der Tübinger Biotechfirma

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Bis zur Entwicklung eines Corona-Impfstoffes war sie nur Insidern bekannt: die Tübinger Firma Curevac. Nun ist das Unternehmen in aller Munde. Gründer Ingmar Hörr im SWR-Gespräch.

Ingmar Hörr hat im Jahr 2000 das Tübinger Biotechnologie-Unternehmen Curvevac mit gegründet. Bis Juli 2020 war der 52-jährige Biologe Vorstandsvorsitzender. Mit seiner Methode Ribonukleinsäure zu stabilisieren, kann diese unkompliziert für die Entwicklung von Impfstoffen und Therapien verwendet werden.

SWR Aktuell: Herr Hörr, Sie haben vor 20 Jahren die Firma mit gegründet, die heute wegen ihrer Corona-Impfstoffentwicklung weltbekannt ist. Angefangen hat man damals mit dem Plan, ganz andere Krankheiten zu bekämpfen, zum Beispiel Lungenkrebs. Und zwar durch Medikamente, bei denen Erbgut von Zellen so verändert wird, dass die Krankheit bekämpft wird. Wie kam es zu der Idee, aus einer Uni-Studiengruppe heraus eine Firma zu gründen?

Ingmar Hörr: Das waren die faszinierenden Ergebnisse, die wir damals gemacht haben mit der RNA. Wir haben damals überlegt, was kann daraus entstehen. Und es gab damals keine Firma, die sich damit professionell beschäftigt hat. Und es sah auch nicht so aus, dass es die geben würde. Dann musst du es eben selbst machen.

Sie haben damals Ihren Blick nicht auf Infektionskrankheiten gerichtet, sondern auf Krebserkrankungen. Wie sind Sie da vorgegangen?

Da gab es mehrere Gründe. Der wichtigste war, dass Krebs als Geißel der Menschheit gilt. Auch für die Investoren. Wir waren damals unterwegs, Geld einzusammeln. Und wenn wir mit Impfstoffen für Infektionskrankheiten gekommen wären, hätte uns niemand Geld gegeben. Wir waren durch den Markt gezwungen.

Sie haben damals einiges entwickelt, ihre Methode auch an Patienten ausprobiert. So richtig geklappt hat es aber nicht?

Es ist natürlich ein dickes Brett. Wir konnten nur an austherapierten Patienten die Studien machen, also an Leuten, die keine Antwort an den Krebs geschafft haben. Eins der Themen ist, dass Krebs sehr aggressiv ist. Wir hatten keine Möglichkeit, an gesunde Probanden zu kommen. Wir konnten nur kranke Menschen nehmen. Das war vielleicht ein Grund, warum das nicht so geklappt hat. Dass einfach diese Immun-Antworten nicht in Gang gebracht wurden, weil die Menschen durch die Therapien sehr in Mitleidenschaft gezogen waren.

Die Firma Curevac verbraucht ja unglaublich viel Geld, macht über Jahre Verluste. Vertrauen da alle Investoren darauf, dass irgendwann der große Wurf kommt?

Der Wurf ist tatsächlich ein zugelassener Impfstoff. Dahin zu kommen ist aber ein langer, langer Weg. Es geht ja schon bei der Produktion los. Als wir mit der Firma gestartet sind, hatten wir von pharmazeutischer Produktion keine Ahnung. Als wir in die Genehmigungsbehörde gegangen sind, hat der Mitarbeiter mit uns Mitleid bekommen. Bevor man mit klinischen Studien anfangen kann, muss man erst die Produktion anpassen. Da haben wir lange gebraucht. Und da waren wir wirklich Pioniere. Wir waren die ersten, die sogenannte GMP-RNA hergestellt haben. Erst nach fünf Jahren waren wir in der Lage, die ersten Studien anzufangen. Es geht sehr viel in die Pionierarbeit rein, Investoren zu überzeugen. Es braucht viel Zeit, mit der Technologie klar zu kommen. Dass sie für den Menschen so angepasst ist, dass sie funktioniert.

Sie haben inzwischen viele Partnerschaften mit Pharmaherstellern, Universitäten, auch mit der Stiftung von Microsoft-Gründer Bill Gates und seiner Frau. Für die sollen Sie Impfstoffe für Krankheiten in Entwicklungsländern entwickeln. Wie sind Sie zum Beispiel an Bill Gates herangekommen?

Das ist eine Netzwerkgeschichte. Durch das Netzwerk von Dietmar Hopp waren wir Bill Gates bekannt. Die kennen sich. Und da wurden wir von Bill Gates eingeladen, unsere Arbeit vorzustellen. Das war in Paris in einem Keller. Das muss man sich so vorstellen, das war keine Luxussuite, sondern ein gekachelter Keller. Und da saß er am Tisch im Halbdunkel. Das Licht war auf uns gerichtet. Wie ein Verhör. Wir waren sehr aufgeregt. Was uns faszinierte, war, wie extrem er vorbereitet war. Er hat sich eingelesen in die Technologie. Wir haben angefangen mit der Präsentation. Und er sagte gleich "Stopp". Er wollte sofort auf Seite 18: "Erzählen Sie darüber." Er hat mich aus dem Konzept geworfen. Aber wir konnten das schnell kompensieren, weil wir über die Wissenschaft geredet haben.

Diese Programmierung von Botenstoffen war ja Thema Ihrer Doktorarbeit, diese mRNA. Curevac hat diese Methode federführend vorangebracht. Jetzt droht man überholt zu werden von anderen wie Biontech, schmerzt Sie das?

Überhaupt nicht. Es ist dringend notwendig. Ich finde es gut, dass es verschiedene Möglichkeiten des Impfstoffes gibt. Es gibt dann Impfstoffe, die früh auf den Markt kommen, aber extreme Kühlvoraussetzungen brauchen. Und dann gibt es Impfstoffe wie unserer, wenn er zugelassen ist, die einfacher zu handeln sind, bei einfacher Kühlschranktemperatur. Und so muss es auch sein. Wir müssen jetzt anfangen. Und dann sind wir parat, die nicht so eine Infrastruktur haben wie die westliche Welt. Und da können wir was bieten.

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