Kommentar von Sandra Müller

Gefährliche Euphorie: Die Corona-Modellstadt Tübingen braucht mehr Fakten

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Tübingen will als Corona-Modellstadt zeigen, wie es gehen könnte. Doch die Hoffnung auf "mehr Normalität" schlägt nicht selten in Euphorie um. Und die wird von der Stadt selbst befeuert, kommentiert SWR-Reporterin Sandra Müller.

Tübingen - eine Stadt in Feierlaune, im Freudentaumel, im Glück. So scheint es, wenn man die Medienberichte und Internetkommentare der vergangenen Tage anschaut. Die Stimmung: Geradezu euphorisch. Denn Tübingen, die Corona-Modellstadt, zeige, wie es geht, finden viele. Aber: Falsch. Die Corona-Modellstadt zeigt noch lange nicht, wie es geht. Sie versucht herauszufinden, ob und wie es gehen könnte. Das ist ein Riesenunterschied. Doch der geht zunehmend unter. Auch weil die Stadt selbst das nicht mehr erklärt. Im Gegenteil: Sie überhöht und befeuert das Missverständnis.

Als hätte die Modellstadt das Coronavirus schon besiegt

Ein pathetisches Musikvideo auf dem Youtube-Kanal der Stadt über das wieder erwachte Stadtleben ist da geradezu typisch: Menschen tanzen durch die Straßen, Händler lachen in die Kamera, Passanten zeigen das Siegeszeichen - als hätte die Modellstadt die Pandemie schon besiegt. Aber: Hat sie nicht. Und ob sie das Zeug dazu hat, werden die Daten erst zeigen müssen. Aber welche Daten eigentlich?

Darüber erfährt man wenig. Nichts eigentlich. Nur: Der Versuch wird "wissenschaftlich begleitet". Klingt toll. Doch wer nachfragt, erfährt: Die Uni ermittelt nur ein paar wenige "essentielle Zahlen", musste die Erhebung dazu aus dem "Boden stampfen" und sie läuft "holprig". Alles Worte von Studienleiter Peter Kremsner selbst.

Sandra Müller (Foto: SWR)
Die Modellstadt braucht mehr Fakten, kommentiert SWR-Reporterin Sandra Müller.

Boris Palmer spielt zunehmend eine paradoxe Rolle

Los ging die "wissenschaftliche Begleitung" übrigens erst, als die Modellstadt schon eine Woche lief. Zugeben wollte Oberbürgermeister Boris Palmer (Grüne) das aber nicht. In einem Interview im Deutschlandfunk erklärte er die Begleitung für gestartet, als sie das nachweislich noch nicht war. Überhaupt: Oberbürgermeister Palmer, der Mitinitiator der Modellstadt, spielt zunehmend eine paradoxe Rolle in dem Projekt.

Der Grund: Seine Facebook-Posts. Seit zwei Wochen freut er sich da wort- und bildstark über das "italienische Flair" in der Modellstadt, preist die Logistik der Teststationen, macht Lust auf den Hock im Biergarten. Selbst jetzt, wo die Stadt an ihre Grenzen kommt und den Zugang zur Modellstadt begrenzt hat, aus Sorge, die Situation könnte - Zitat der Pandemiebeauftragten Federle - "nicht mehr beherrschbar" sein. Selbst jetzt postet der OB Widersprüchliches: Zum Beispiel erst den Aufruf, bitte nicht nach Tübingen zu kommen, aber wenige Stunden später den Hinweis, es gebe noch Platz in den Parkhäusern. Ergebnis: Eine Stadt voller feiernder Menschen, auch nachts, in Gruppen und alkoholisiert.

Transparenz sieht anders aus

Na klar doch. Die Euphorie ist einfach ansteckend. Aber gerade weil sie das auch im pandemischen Sinn sein könnte, sollten die Macher der Modellstadt die nicht zusätzlich mit Videos und emotionalen Posts befeuern. Sie sollten stattdessen liefern, worum es eigentlich geht: Erklärungen zur wissenschaftlichen Begleitung, Details zu den erhobenen Daten, tagesaktuelle Werte. Die aber findet man nur mühsam. Die Menge der täglichen Schnelltests zum Beispiel können auch wir Journalisten nur immer wieder telefonisch erfragen. Ebenso wie viele der positiv getesteten Personen schon den genaueren PCR-Test durchlaufen haben.

Transparenz sieht anders aus. Doch gerade die wäre nötig. Denn ja: Die Corona-Modellstadt ist ein wichtiger und richtiger Versuch. Aber eben ein Versuch, der sich naturgemäß nur gut bewerten lässt, wenn die grundlegenden Daten klar sind und - noch wichtiger - wenn die Euphorie uns nicht voreilig zu falschen Schlüssen verleitet. Gerade jetzt, wo die Pandemie in eine neue Phase geht - mit hochschnellenden Infektionszahlen und immer mehr noch gefährlicheren Mutationen des Virus. Was wir brauchen, sind belastbare Zahlen nicht immer noch mehr Pathos. Oder wie es Kanzlerin Angela Merkel (CDU) formuliert hat: "So kann es nicht weitergehen. Wir brauchen mehr Ernsthaftigkeit." Das gilt auch für die Modellstadt Tübingen.

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