STAND

Beobachtungen, dass Patienten mit Migrationshintergrund häufiger in Krankenhäusern versorgt werden, lassen sich nicht bestätigen. Experten, darunter ein Tübinger Soziologe, suchen nach Erklärungen.

Es scheint ein heikles Thema zu sein, zu dem sich Klinikleitungen und Gesundheitsämter nicht detailliert äußern. Daten über die Herkunft werden häufig nicht erhoben und dementsprechend können oft keine Auskünfte darüber gegeben werden, ob mehr Menschen mit Migrationshintergrund am Coronavirus erkranken und auf die Intensivstationen kommen.

Auch der muslimische Seelsorger an der Uniklinik Tübingen, Hazem Elgafari, äußerte sich dem SWR gegenüber verhalten. Er könne aber sagen, dass die Zahl der Covid-Erkrankten stark gestiegen sei - und darunter gebe es auch muslimische Patienten.

Andere Formen der Information wohl nötig

Die Medienberichte beschäftigen ihn, auch wenn er sie selbst nicht bestätigen könne. Gründe dafür, dass es Menschen mit Zuwanderungsgeschichte härter trifft, findet Elgafari allerdings zur Genüge. Die Informationen würden diese Gruppe oft gar nicht erreichen. Außerdem würden manche in sehr beengten Wohnverhältnissen leben.

"Manche Familien leben zu siebt in einer Dreizimmerwohnung"

Hazem Elgafari, muslimischer Seelsorger an der Uniklinik Tübingen

Hohe Ansteckungsgefahr durch beengte Wohnverhältnisse

Für den Sozialwissenschaftler Boris Nieswand von der Uni Tübingen sind gerade Wohn- und Arbeitsverhältnisse ausschlaggebend für das Infektionsgeschehen. Inzwischen sei es allgemein bekannt, dass die Ansteckungsgefahr in engen Wohnungen oder Arbeitsverhältnissen, bei denen Homeoffice nicht ohne weiteres möglich ist, viel größer sei. Diese Faktoren seien bei Menschen, die in ärmeren Verhältnissen leben, eher gegeben. Menschen mit Migrationshintergrund gehören verstärkt zu dieser Gruppe, so Nieswand weiter. Es sei wichtig mit diesen Menschen zu sprechen und sie zu informieren.

Baden-Württemberg

Beengtes Wohnen, wenig Geld für Schutzausrüstung Corona-Risiko für einkommensschwache Menschen höher

Menschen aus Bevölkerungsgruppen mit geringerem Einkommen haben ein deutlich höheres Risiko am Coronavirus zu sterben - das belegt ein Datenblatt des RKI. Doch was bedeutet das konkret? Ein Beispiel aus Stuttgart.  mehr...

Genau diesen Weg ist die Stadt Tuttlingen gegangen. Als im vergangenen November die Infektionszahlen extrem nach oben gingen, hat die Stadtverwaltung muslimische Vereine angesprochen und um Hilfe gebeten. Man hatte den Eindruck, dass entsprechende Informationen ausländische Mitbürgerinnen und Mitbürger nicht erreicht hatten. Eine Video-Botschaft sollte da Abhilfe schaffen.

Keine Daten über Herkunft

Anhand von Infektionszahlen lässt sich allerdings nicht überprüfen, ob der Appell etwas bewirken konnte. Man erhebe keine Daten zu Herkunft oder Religionszugehörigkeit, erklärte das örtliche Gesundheitsamt dem SWR. Deswegen könne man nur sagen, dass sich Appelle an die Bevölkerung generell dämpfend auf das Infektionsgeschehen auswirken.

Aus Sicht des Sprechers der Stadt, Arno Specht, ist das Feedback größtenteils positiv gewesen. Es gab aber auch Vorwürfe, warum man sich gerade diese Gruppe vornehme. Die Stadt versuchte, diese zu entkräften mit dem Hinweis, dass es eben um wichtige Informationen für diese Bevölkerungsgruppe gehe, die man sonst möglicherweise nicht erreichen könne.

Corona-Informationen in der Moschee

Auch vielen Mitgliedern der muslimischen Gemeinde sei der Aufruf zunächst aufgestoßen, sagte Abdullah Saplak von der Islamischen Gemeinschaft Tuttlingens dem SWR. Aber nach der anfänglichen Skepsis hätten viele Moscheemitglieder keine Familienfeste mehr gefeiert und Hochzeiten abgesagt. Manche hätten sich sogar selbst an die Moscheegemeinde gewandt und zur Vorsicht aufgerufen.

Abdullah Saplak erinnert in der Moschee immer wieder an die Regeln und informiert sofort, wenn sich etwas ändert. Informationen seien eine wichtige Lösung, meint auch Tuttlingens Pressesprecher Arno Specht in seinem Fazit.

"Ich denke, das Fazit ist, dass wir immer wieder aufrufen müssen, damit bei den Leuten etwas hängen bleibt."

Tuttlingens Pressesprecher Arno Specht

Weitere Informationen

Lage in Baden-Württemberg Flüchtlingsrat: Corona verschärft Probleme

Die Corona-Pandemie hat auch jene getroffen, die in Baden-Württemberg Schutz suchen. Doch das Virus und seine Folgen haben die Probleme der Flüchtlinge nochmal verschärft, findet der Flüchtlingsrat. Er hat gleich mehrere Beispiele.  mehr...

Rückkehrer aus Rumänien direkt in Quarantäne gegangen Schlachthof-Mitarbeiter in Wittlich positiv auf Corona getestet

In Wittlich ist ein Schlachthof-Mitarbeiter nach seinem Heimaturlaub in Rumänien positiv auf das Corona-Virus getestet worden. Der Mann sei direkt in Quarantäne gekommen.  mehr...

Welt

"Das Ungleichheits-Virus" Oxfam-Bericht: Corona verschärft die soziale Ungleichheit

Die soziale Ungleichheit droht weiter anzusteigen - und zwar in fast allen Ländern der Welt gleichzeitig. Das besagt der neue Ungleichheitsbericht der Organisation Oxfam. Grund dafür ist die Corona-Pandemie.  mehr...

STAND
AUTOR/IN