Plakat Bürgerentscheid zum Rottenburger Schlachthof (Foto: SWR, Harry Röhrle)

Tierwohl, Kosten und Regionalität

Schließen oder sanieren? Rottenburg entscheidet über Schlachthof

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Die einen setzen auf kurze Wege und Tierwohl. Die anderen wollen Kosten sparen und das Gelände nahe der Innenstadt lieber anders nutzen. Am Sonntag sind die Rottenburger gefragt.

Im Streitfall um den Erhalt des sanierungsbedürftigen Schlachthofs in Rottenburg gibt es am Sonntag einen Bürgerentscheid. 2019 hat die Stadt entschieden, den Betrieb zu schließen und stattdessen in die Sanierung des Schlachthofs in Gärtringen (Kreis Böblingen) zu investieren. Eine Bürgerinitiative setzte sich daraufhin für den Erhalt des bisherigen Schlachthofs ein und erreichte einen Bürgerentscheid. Diesen hat der Gemeinderat Ende September mit großer Mehrheit bewilligt.

Bürgerinitiative fordert Erhalt des Schlachthofs

Die Bürgerinitiative beruft sich unter anderem auf die über hundert Jahre alte Tradition der Einrichtung. Und kurze Wege seien für die kleinen Betriebe und Landwirte aus der Umgebung sehr wichtig. Außerdem verweisen sie auf das Wohl der Tiere:

"Vom Transportanhänger bis zur Betäubung sind es höchstens fünf Meter, das ist ideal. Das kommt der ursprünglichen Weide- und Hofschlachtung sehr nahe, das müssen wir erhalten."

Auch für den Arten- und Naturschutz ist ein lokaler Schlachthof wichtig, so die Initiative. Kurze Fahrtwege würden die Umwelt schonen. Es könne zudem sein, dass viele Tierhalter nicht mehr bereit wären, Schafe oder Wasserbüffel zu halten, wenn sie die Tiere in eine Großschlachterei bringen müssten. Die Bürgerinitiative hat ein eigenes Sanierungskonzept ausgearbeitet, das mit etwa zwei Millionen Euro deutlich günstiger als das der Stadt sein soll.

Rottenburger Schlachthof von oben (Foto: SWR, Harry Röhrle)
Der Rottenburger Schlachthof ist sichtlich in die Jahre gekommen. Harry Röhrle

Tierschützer wollen mehr Pflanzliches essen

Der Stuttgarter Verein "Menschen für Tierrechte Baden-Württemberg“ fordert die Rottenburger dazu auf, beim Bürgerentscheid beide Schlachthof-Optionen abzulehnen. Aufnahmen von Tierrechtsorganisationen hätten wiederholt gezeigt: auch Regionalität ist keine Garantie für die Einhaltung von Tierschutz. Anstatt das Geld in einen der beiden Schlachthöfe zu stecken, könne man die von Landwirtschaftsminister Özdemir (Grüne) angekündigte Ernährungsstrategie fördern. Diese soll den Konsum von Fleisch, Salz und Zucker reduzieren und die pflanzliche Ernährung stärken.

Stadt findet Sanierung nicht sinnvoll

Die Stadt Rottenburg spricht sich gegen den Erhalt ihres Schlachthofs aus. Das alte Gebäude habe einen Sanierungsstau und es sei zu teuer, es zukunftsfähig zu sanieren, erklärte Oberbürgermeister Stephan Neher gegenüber dem SWR:

Rottenburg oder Gärtringen?

Falls Rottenburg seinen Betrieb dennoch fortführen sollte, ist die Zukunft des Schlachthofs Gärtringen ungewiss. Laut dem Ergebnis einer Wirtschaftlichkeitsuntersuchung könne der Standort zwar allein wirtschaftlich betrieben werden, heißt es aus dem Böblinger Landratsamt. Die Finanzierungsbeiträge der Stadt Rottenburg und des Landkreises Tübingen mit insgesamt einer Millionen Euro seien aber ein wichtiger Bestandteil des Projekts.

Immer weniger Schlachthöfe

Mit Rottenburg ist ein weiterer Schlachtbetrieb in der Region kurz vor der Schließung. Der Schlachthof Metzingen (Kreis Reutlingen) wurde bereits Ende vergangenen Jahres geschlossen. Die Stadt suche derzeit nach Ausweichbetrieben im Landkreis Reutlingen, sagte ein Sprecher. Auch den Balinger Schlachthof gibt es nicht mehr. Der ehemalige Betreiber hat den Metzgern laut Stadt aber angeboten, einen seiner anderen Schlachthofstandorte zu nutzen.

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