Inklusives Theaterstück des Reutlinger Theaters Tonne (Foto: SWR, Magdalena Knöller)

"Hierbleiben - Spuren nach Grafeneck"

Reutlinger Tonne-Theater über die Ermordung Behinderter

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Über 10.000 Menschen sind in der NS-Zeit in Grafeneck auf der Alb ermordet worden. Sie waren behindert oder psychisch krank. Ein Reutlinger Theater hat ein Stück dazu eineinhalb Jahre lang in vielen Städten aufgeführt.

Sie sind alle Laienschauspieler, haben selbst eine Behinderung und hätten den Nationalsozialismus vermutlich nicht überlebt. Schon das habe viele Zuschauer beeindruckt, erzählten sie bei einem Abschlussgespräch des Theaterprojekts. "Hierbleiben - Spuren nach Grafeneck", so heißt das Stück über das einstige Schloss Grafeneck im Kreis Reutlingen, wo 1940 innerhalb von elf Monaten 10.654 Menschen mit Behinderung getötet wurden.

Bühnen im Freien

Nicht auf Bühnen, sondern auf Marktplätzen haben sie gespielt. Dabei sitzt Santiago Österle eingepackt in einen knallroten Overall in seinem Rollstuhl und singt seinen selbst getexteten Song über die Tötungsanstalt auf der Schwäbischen Alb. Für Österle sind die Auftritte in vielen baden-württembergischen Städten unvergesslich. Und er hat sich, erzählte er, noch einmal mit den ganzen Geschehnissen von damals beschäftigt und sich auch gefragt, was das alles für ihn selbst bedeutet.

Käfige und Gasflaschen

Ihre Behinderungen und Erkrankungen haben alle Schauspieler in dem Stück öffentlich gemacht. Riefen ihre Namen aus, ihre Herkunft und dass sie entweder eine Rechtschreibschwäche haben oder bei der Geburt zu wenig Sauerstoff bekamen - wie Santiago Österle. Ihre Requisiten hatten sie immer mitgebracht: Eisenstangen zu Käfigen zusammengeschraubt und Gasflaschen, um zu zeigen, dass die Ermordeten in Grafeneck in einer Gaskammer zu Tode kamen.

Gespielt, wo damals die grauen Busse fuhren

Enrico Urbanek, Regisseur vom Reutlinger Theater "Die Tonne" hat miterlebt, was das Stück mit den Laienschauspielerinnen und -schauspielern gemacht hat. 25 Mal ist die Truppe aufgetreten – zum Beispiel in Mosbach, Rottweil oder Bad Schussenried. Alles Orte, in denen die Nazis 1940 die Menschen mit grauen Bussen eingesammelt und auf die Alb nach Grafeneck gebracht haben. Die Leute auf den Straßen seien sehr berührt gewesen, hat Schauspieler Daniel Irschik bemerkt. Manche hätten nach der Vorstellung geweint. Auch Regisseur Enrico Urbanek erinnert sich an außergewöhnliche Gespräche mit einigen der über 3.000 Zuschauer.

Nach eineinhalb Jahren soll jetzt eigentlich Schluss sein. Da aber immer wieder Städte und Schulen anfragen, ob die Reutlinger das Stück noch einmal aufführen können, kann es sein, dass es doch noch weitere Termine gibt, so Regisseur Enrico Urbanek.

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