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Mitten im Wald bei Balingen-Erzingen (Zollernalbkreis) liegt ein hoher Erdwall. Es ist kein natürlicher Wall. Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs mussten russische KZ-Häftlinge dort Schiefergestein zu einem Meiler aufschütten.

Der Meiler ist 360 Meter lang, etwa 11 Meter breit und 4,50 Meter hoch. Der riesige Meiler war nicht zur Herstellung von Holzkohle gedacht. In dem Ofen wurde ölhaltiges Schiefergestein verschwelt, um Rohöl zu gewinnen. "Unternehmen Wüste" nannten die Nazis den Versuch, in der Endphase des Krieges so an Rohstoff zu gelangen, um Treibstoff für Flugzeuge herzustellen.

Experten des Landesdenkmalamts und der Universität Tübingen untersuchen einen Ölschiefermeiler des Unternehmens Wüste aus der NS-Zeit (Foto: SWR, Anne Täschner)
Experten des Landesdenkmalamts und der Universität Tübingen untersuchen den Erzinger Meiler Anne Täschner

Spuren des Nazi-Terrors sollen gesichert werden

Mitarbeiter des Landesdenkmalamtes und Archäologen der Universität Tübingen graben den Meiler im Wald bei Erzingen aus. Er gehörte zum Lager 4 des Unternehmens Wüste. Vor allem russische Kriegsgefangene aus dem KZ Hailfingen mussten als Sklavenarbeiter dort unter menschenunwürdigen Zuständen schuften. Bei der Ausgrabung geht es darum zu verstehen, welche Technik damals angewendet wurde und wie sie funktionieren sollte, so Christian Bollacher vom Landesdenkmalamt. Außerdem sollen Spuren des nationalsozialistischen Terrors mit archäologischen Methoden erschlossen werden.

Unternehmen war ein riesiger Fehlschlag

Der aufgeschichtete Ölschiefer sei mit einer Lage von Brenntorf und Zündschiefer bedeckt und dann wie ein Kohlenmeiler in Brand gesetzt worden, so Bollacher. Der entstehende Ölschlamm wurde abgeschieden. Aus ihm sollte durch mehrmaliges Raffinieren Flugbenzin gewonnen werden. Der Plan scheiterte, weil der Schiefer viel zu wenig Öl enthielt, um rentabel Treibstoff zu gewinnen. Man habe viel mehr Energie reinstecken müssen, als später als nutzbarer Treibstoff herausgekommen sei. Das gesamte Unternehmen Wüste wurde deshalb zu einem riesigen Fehlschlag, so Bollacher. Noch verheerender sei die humanitäre Bilanz, so Christian Bollacher vom Landesdenkmalamt: Über 3.500 KZ-Häftlinge seien bei dem Versuch gestorben, Öl aus Schiefer zu gewinnen.

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