OB Tübingen, Boris Palmer (Foto: dpa Bildfunk, Picture Alliance)

Tübinger OB kritisiert die Deutsche Bahn Nach Shitstorm: Palmer macht Facebook-Pause

Der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer (Grüne) hat mit Kritik an einer Bahn-Werbekampagne für Empörung gesorgt. Jetzt hat er angekündigt, bis Ende Mai nichts mehr zu posten.

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SWR Fernsehen BW

Nach heftiger Kritik an seinen Äußerungen zur Auswahl von Bahn-Werbegesichtern will sich der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer von Donnerstag an vorübergehend von Facebook verabschieden. Er werde bis mindestens zur Kommunalwahl nichts mehr auf Facebook posten, sagte er im SWR. Die Kommunalwahl findet am 26. Mai statt.

Kritik bekräftigt

Der Tübinger OB Palmer hat zuvor jedoch seine Kritik an einer Werbung der Deutschen Bahn bekräftigt. Die Bahn zeigt auf ihrer Internetseite Bilder von Reisenden mit unterschiedlichen Hautfarben, unter anderem den schwarzen Sterne-Koch Nelson Müller und die türkisch-stämmige Moderatorin Nazan Eckes. Auf Facebook schrieb Palmer, der die Prominenten nicht erkannt hatte, er finde die Personenauswahl der Bahn nicht nachvollziehbar.

Wenn die Bahn die komplette Gesellschaft in fünf Bildern abbilden wolle, sei es durchaus ausgewogen, "wenn bei fünf Personen ein, zwei oder drei Personen erkennbar so ausgewählt sind, dass man einen Migrationshintergrund vermutet", erklärte Palmer am Mittwoch im SWR. Trotzdem sollten dann auch Bilder von Menschen dabei sein, bei denen man einen solchen Hintergrund nicht vermute.

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SWR Fernsehen BW

Deutsche Bahn: Ideale Werbepartner

Ein Bahnsprecher verteidigte im SWR die Auswahl der gezeigten Personen. Man wolle Werbung für den Fernverkehr machen und habe dafür passende Protagonisten gefunden. Nico Rosberg seit der Bahn schon lange verbunden, sagte der Sprecher in Berlin, er stehe für Schnelligkeit und Nachhaltigkeit. Nazan Eckes vertrete Familie und Entertainment - auch das seien zwei wichtige Aspekte des Bahnfahrens im Fernverkehr. Nelson Müllern wurde von der Bahn als "sympathischer Botschafter für die neue Bordgastronomie" ausgesucht.

Facebook-Post löste Shitstorm aus

Palmers Kritik hatte im Internet für heftige Reaktionen gesorgt. Die Bahn hatte prompt reagiert: "Herr Palmer hat offenbar zum wiederholten Male Probleme mit einer offenen und bunten Gesellschaft", so ein Sprecher. Palmer meinte dazu: "Wenn die Absicht dieser Auswahl ist, der Bahn ein bestimmtes Image zu geben, dann verstehe ich das. Aber erst mal verstehen zu wollen, was die Botschaft dahinter ist, finde ich legitim."

Auch Ex-Formel-Eins-Weltmeister Nico Rosberg, der ebenfalls auf der Bahn-Werbung abgebildet ist, kritisierte den Tübinger OB für seine Aussagen. Auf Twitter schrieb er, Palmer wolle spalten und Menschen ausgrenzen. Als Sohn eines Finnen und einer Deutschen liege Völkervielfalt in seinen Genen, so Rosberg.

Palmer entschuldigt sich bei Nelson Müller

Den Facebook-Eintrag von Palmer kommentierte auch Nelson Müller. "Ich bin tief bestürzt, dass ein Mensch in so einer verantwortlichen Position diese Diskussion erneut auf so einer negativen Art und Weise anfeuert." Er fühle sich als Schwabe, der in Stuttgart aufgewachsen ist, persönlich diskriminiert, weil er nie das Gefühl gehabt hätte, anders zu sein. Die Frage sei, wie die Menschen in den Augen von Palmer für diese Kampagne aussehen sollten. "Die Antwort sollte er sich genau überlegen", so Müller.

Palmer anwortete dem Sterne-Koch am Mittwochmittag: "Ich möchte mich bei Ihnen entschuldigen. Vorneweg einfach dafür, dass ich Sie nicht gekannt und erkannt habe." Er habe ihm nicht absprechen wollen, zum Land zu gehören. Auf die Frage, welche Bilder er sich für die Kampagne gewünscht hätte, anwortete er: "Ich fühle mich dazugehörig und wenn Bilder den Eindruck erwecken, dass ich nicht mehr Teil der Gesellschaft bin oder sein soll, dann möchte ich die Gründe kennen und darüber sprechen."

Grünen-Politiker grenzen sich ab - Zuspruch kommt von AfD

Zuspruch für seine Kritik bekam Palmer von der AfD. Deren Bundestags-Fraktionschef Alexander Gauland teilte am Mittwoch mit, der Bahn gehe es nicht um die Realität in den Zügen, sie wolle sich politisch positionieren. Das sei aber nicht ihre Aufgabe.

Genervt zeigte sich jedoch Palmers eigene Partei. Der grüne Tübinger Landtagsabgeordnete Daniel Lede Abal wies Palmers Äußerungen als "völlig daneben" zurück: "Wenn er als Oberbürgermeister mit so einer Stadtgesellschaft nicht zurechtkommt, sollte er sich jetzt überlegen, ob er Oberbürgermeister bleiben kann." Der nordrhein-westfälische Grüne Ali Bas forderte auf Twitter: "Es wird Zeit den Hut zu nehmen, Herr Palmer!"

Der Bundesgeschäftsführer der Grünen, Michael Kellner, lobte die Bahn-Kampagne demonstrativ: "Die Bahn ist für alle da, und dass sie mit Vielfalt wirbt, begrüße ich." Die Landespartei der Grünen in Baden-Württemberg reagierte ihrerseits mit einem Facebook-Post auf Palmers Einlassungen: "Das Miteinander von Menschen unterschiedlicher Herkunft ist gelebte Realität in unserem Land", hieß es dort.

Der baden-württembergische SPD-Generalsekretär Sascha Binder warf den Grünen vor, sie hätten eine offene Flanke am rechten Rand. Bei Palmer habe Diskriminierung immer Hochkonjunktur, so Binder.

Lieber Boris Palmer,
Du findest es nicht nachvollziehbar, nach welchen Kriterien die Deutsche Bahn Personenverkehr die Personen auf den Fotos ihrer Werbekampagne ausgewählt hat? Wir schon: Es handelt sich um Menschen, die mit der Bahn fahren! Das Miteinander von Menschen unterschiedlicher Herkunft ist gelebte Realität in unserem Land.
Wir Grüne treten für eine freie, offene und vielfältige Gesellschaft ein und wollen die Abwehrkräfte gegen Populismus, Polarisierung und Spaltung stärken, indem wir Zusammenhalt fördern, Offenheit leben und Vielfalt wertschätzen.

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