Ungewöhnlicher Prozess in Reutlingen Mann will unbedingt ins Rottenburger Gefängnis

Das Amtsgericht Reutlingen hat einen Mann wegen versuchter Brandstiftung an einer Tankstelle zu zweieinhalb Jahren Haft verurteilt. Das war offenbar genau das, was er wollte.

Es war ein außergewöhnlicher Fall, der am Montag im Reutlinger Amtsgericht zu Ende ging. Der Angeklagte wollte unbedingt ins Gefängnis. Er nehme jedes Urteil für die versuchte Brandstiftung an einer Reutlinger Tankstelle an. Hauptsache, er dürfe in seine Zelle zurück, sagte der Angeklagte. Das darf er nun für zweieinhalb Jahre.

Ein Mann blickt durch Gitterstäbe in den Himmel. (Foto: dpa Bildfunk, Patrick Pleul)
Patrick Pleul

Lange Straftatenliste

Offenbar ist das Gefängnis, in dem er große Teile seines Lebens verbrachte, für ihn so etwas wie ein Zuhause, mutmaßte der Richter. Denn die Straftatenliste des 65-Jährigen ist lang: In den 1970er Jahren erschoss er einen Vorgesetzten bei der Bundeswehr. Es folgten Brandstiftungen, Beamtenbeleidigungen, Sachbeschädigungen und einiges mehr.

Rottenburger Gefängnis ist seine Heimat

Seine neue Strafe wird der Mann in der Justizvollzugsanstalt Rottenburg absitzen. 600 Häftlinge sind dort unter anderem wegen Diebstahl, Erpressung, Körperverletzung und Mord. Die Zellen sind klein und dunkel, die Möbel einfach. Trotzdem will der Mann genau dort hin. Die Rottenburger Sozialpflegerin Marion Vollmer erklärt das mit einer gewissen Heimatlosigkeit. Oft seien das Menschen, die draußen niemanden mehr haben, also keine Familie oder engere Beziehungen.

Von der Familie verstoßen

Der jetzt Verurteilte war mehr im Gefängnis als draußen. Seine Familie hat ihn verstoßen. Einen festen Wohnsitz hat er nicht. So ist das Gefängnis für ihn irgendwann wie ein Zuhause geworden, sagte Andreas Sachse, der seit 29 Jahren an der Rottenburger JVA als Sozialpfleger tätig ist. In Freiheit seien solche Menschen oft ziellos, können sich nicht selbst organisieren. Gerade dann, wenn man schon älter sei, fehle oft die Kraft dazu.

Wiedereingliederung ist schwierig

Eigentlich sollen die Sozialpfleger den Häftlingen helfen, dass sie nicht mehr wiederkommen. Sei es mit Suchttherapien, der Vermittlung von Arbeitsplätzen, dem Aufbau eines sozialen Netzes oder die Suche nach einem Dach über den Kopf, so Sachse. Im Fall des Reutlinger Verurteilten funktionieren all diese Angebote nicht. Er lehne sie ab.

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