Tübinger Jurist Rössner erstattet Anzeige Missbrauch in der Kirche soll vor Gericht

Fünf Juristen haben bei mehreren Staatsanwaltschaften Anzeige erstattet, weil bisher die Kirche die sexuellen Missbrauchsfälle nur selbst aufarbeite. Die Diözese bestreitet das.

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Sendedatum
Sendezeit
19:30 Uhr
Sender
SWR Fernsehen BW

Zu den fünf Jura-Professoren gehört der Tübinger Rechtswissenschaftler Dieter Rössner. Die Staatsanwaltschaft Tübingen bestätigte dem SWR den Eingang der Anzeige gegen Unbekannt und prüft inzwischen das von den Juristen vorgelegte Material. Das bezieht sich auf den kürzlich veröffentlichten Missbrauchsbericht der Kirche. Rössner will, dass die Fälle auch von weltlichen Justizbehörden aufgearbeitet werden.

Opfer würdigen, Täter bestrafen

Dem pensionierten Juristen Rössner geht es um die Rehabilitation der Opfer und um Bestrafung. Diese zeige den Opfern, dass man sie ernst nehme. In Richtung Staatsanwaltschaft sagte er, es sei unverständlich, dass diese auf Anzeigen warte, es gehe schließlich um ein Kapitaldelikt und nicht um Ladendiebstahl.

Diözese wehrt sich

Die Diözese Rottenburg-Stuttgart hat sich inzwischen gegen den Vorwurf mangelnder Zusammenarbeit mit der Staatsanwaltschaft gewehrt. Bischof Fürst erklärte, die Diözese habe in den vergangenen Jahren zwei Anzeigen selbst erstattet. Einer der Beschuldigten sei daraufhin ins Ausland geflohen, im anderen Fall sei das Verfahren eingestellt worden.

Viele Opfer wollten kein Verfahren

In sieben weiteren Fällen, so Fürst, sei die Staatsanwaltschaft von sich aus tätig geworden. Alle endeten mit Strafbefehlen. Eine ganze Reihe von Opfern habe in Gesprächen mit der "Kommission sexueller Missbrauch" darum gebeten, nicht die Staatsanwaltschaft einzuschalten, meist "aus Angst vor Retraumatisierung", so der Bischof.

Bisher keine greifbaren Vorkommnisse bekannt

Eine Sprecherin der Staatswanwaltschaft sagte, ihre Behörde sei bislang nicht selbst tätig geworden. Denn die pauschale Feststellung der kirchlichen Missbrauchsstudie, dass es auch in der Diözese Rottenburg-Stuttgart Fälle gegeben haben soll, reiche nicht aus, um Ermittlungen einzuleiten. Dazu müssten Anhaltspunkte für verfolgbare Straftaten vorhanden sein – also eine konkrete Tat, ein Ort, ein Zeitpunkt. Außerdem müsse der potentielle Täter noch leben und die Tat dürfe noch nicht verjährt sein.

Studie ist 350 Seiten lang

Dennoch, so die Staatsanwaltschaft, werde jetzt ermittelt. Genaueres ist nicht zu erfahren. Die Sprecherin betonte, es sei unüblich, anzukündigen, was die Ermittler genau unternehmen, also ob sie zum Beispiel Verdächtige vernehmen oder Hausdurchsuchungen planen. Nur so viel: Man werde jetzt prüfen, welche Indizien sich aus der umfangreichen Anzeige der Juristen ergeben – und aus der über 350 Seiten lange Studie der Kirche.

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