Kommentar zu Boris Palmer und Social Media Wasch mich – aber mach mich nicht nass

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Tübingens Oberbürgermeister Palmer (Grüne) kritisiert provokativ per Facebook die neue Werbekampagne der Bahn und löst einen Shitstorm aus. Alles wie immer also? Nein. Denn das Posting ist aus verschiedenen Gründen problematisch, findet Online-Redakteurin Kerstin Fritzsche.

Kerstin Fritzsche, Multimediale Nachrichten Baden-Württemberg (Foto: SWR, Katrin Hollinger)
Kerstin Fritzsche, Multimediale Nachrichten Baden-Württemberg Katrin Hollinger

Laut einer aktuellen, nicht-repräsentativen Studie empfinden 56,7 Prozent der Politiker/innen in Deutschland das Diskussionsklima in sozialen Netzwerken als negativ bis sehr negativ. 31 Prozent sogar so sehr, dass sie schon einmal darüber nachgedacht haben, sich wie der Grünen-Vorsitzende Robert Habeck von Facebook und Twitter wieder abzumelden. Gleichzeitig sieht die Mehrheit laut Studie die sozialen Medien wegen des Austauschs mit den Wählern aber als sehr wichtig an.

Dieses Dilemma mit der nicht-kontrollierbaren Öffentlichkeit zeigt sich dann in der Art der Postings und Tweets: Sehr viele Politiker/innen setzen äußerst sachliche oder unverfängliche Kommentare ab. Ich-bin-grad-hier-und-hier-Status-Angaben, Bilder und Links dominieren, eigene Meinung und Beiträge, die eine Debatte eröffnen, sind relativ selten – oder deutlich Wahlkampf-abhängig.

Palmer hat keine Angst vor Anfeindungen im Netz

Schon allein deswegen fällt der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer (Grüne) mit seinem Social-Media-Verhalten immer wieder auf. Er scheut kein heikles Thema und nimmt kein Blatt vor den Mund, stets bläst er seine Meinung auf Facebook sehr direkt in die Welt hinaus. Seine Positionen sind streitbar und haben auch den eigenen Partei-Kollegen in Baden-Württemberg schon so manches Mal Kopfschmerzen bereitet, scheinen sie doch oft grünen Prinzipien entgegenzustehen. Manche sagen sogar: Palmers Positionen sind für die Partei und auch generell gesellschaftlich gesehen nicht tragbar. Meistens bleibt die Aufregung aber von kurzer Dauer, denn Lösungsansätze enthalten die Diskussionen eher auch nie. Und natürlich weiß jeder, dass gerade die sozialen Medien der größte Durchlauferhitzer sind, polarisierende Posts mehr Aufmerksamkeit bekommen und wir alle uns gerne mal empören, denn auch Empörung kann eine positive Emotion sein, nämlich eine mit kathartischer Wirkung. Muss man also über jedes Stöckchen springen, das der OB in die Welt hält?

Drei Gründe, warum der Bahn-Kritik-Post problematisch ist

Palmers letztes Posting mit der Kritik an der neuen Kampagne der Deutschen Bahn kann man nicht ignorieren. Und zwar aus mehreren Gründen. Zu allererst inhaltlich. Palmers Screenshot der Bahn-Startseite zeigt sechs Menschen beim Zugfahren, von denen fünf keine weiße Hautfarbe haben. "Welche Gesellschaft soll das abbilden?", fragt der OB dazu und lässt das einfach so stehen.

Erst viel später, als ihm Rassismus und mangelnde Toleranz gegenüber einer vielfältigen Gesellschaft vorgeworfen werden, schreibt er, so habe er das nicht gemeint. Noch mal später entschuldigt er sich beim schwarzen Spitzen-Koch Nelson Müller, der Teil der Bahn-Kampagne ist. Natürlich sei Palmer für eine offene und vielfältige Gesellschaft. Wenn das wirklich so ist, warum dann überhaupt das Posting? Was meint er denn, wenn nicht das Naheliegende, das jetzt jeder denkt? Warum fordert er, dass die Bahn sich erklären muss und so etwas nur ginge, wenn das jetzt eine "offiziell erklärte Kampagne" wäre?

Nein, hier muss sich niemand erklären. So eine Forderungshaltung ist unangemessen. Sowohl politisch (gerade bei den Grünen) als auch gesellschaftlich ist Vielfalt längst Realität, Deutschland versteht sich als Einwanderungsland. Und genau mit dieser Unaufgeregtheit hat die Bahn ihre Kampagne umgesetzt. Wenn ein Einzelner aus dem Remstal sich da nicht wiederfindet, weil er außerdem von der Startseite aus nicht weitergeklickt und die ebenfalls existierende weiße Kernfamilie gar nicht entdeckt hat, - warum muss die Bahn das erklären? Willkommen in der Realität, so geht es vielen anderen ebenfalls: Tagtäglich fühlen sich Menschen auch in Baden-Württemberg unwohl, weil sie damit konfrontiert sind, dass sie Teil einer Minderheit sind. Und oft aus Gründen und Begegnungen, die sehr viel problematischer sind als das Anschauen eines Dienstleistungsangebots.

Alle Kritik wird umgekehrt

Problematisch ist zweitens, dass in der rhetorischen Abwehrhaltung Palmers gar keine sinnvolle Diskussion möglich ist. Statt wiederum die Kritik an seinem Posting ernst zu nehmen, teilt er erneut aus und baut eine Burg aus Bumerang-Begriffskeulen um sich, die eigentlich ganz andere Diskussionen aufmachen würden. Um dabei eine weiße Weste zu behalten.

Alles wird umgedreht. Rassist ist er nicht, rassistisch seien die anderen.

Er wollte jetzt nicht sagen, dass er sich ausgeschlossen fühlt, aber die anderen dürfen auch nicht sagen, dass sie denken, er fühle sich sicherlich ausgeschlossen. Von der Bahn und Palmers Kritikern würde Identitätspolitik betrieben, und zwar von links und von rechts. Von ihm selbst natürlich nicht, er spricht das alles lediglich an: dass es alte, weiße Männer gibt, die Diversität verhindern. Dass mit bestimmten Handlungsweisen gängige Antidiskriminierungspolitik umgedreht oder gar zersetzt werde. Dass es da Tendenzen gibt, ein gewisses Gesellschaftsbild zu propagieren. Und so fort.

In der Tat ist nie direkt formuliert, dass er selbst, Palmer, damit ein Problem hat, so denkt, das so findet, meint, verurteilt. Da steht kein Ich. Aber es ist seine Seite, sein Posting und nicht zuletzt durch seine gewählte Sprache auch ein Kontext, ein Framing, obwohl er genau das bei allen anderen geißelt, weil es ihn in eine Ecke stelle. Dabei hat er sich schon längst selbst da hingestellt, versucht aber weiterhin so zu tun, als stünde er in der Mitte des Raums. Man kann nicht etwas formulieren und dann hinterher so tun, als hätte man das nicht gemeint. Als Politiker weiß man um die Macht der Worte – und zwar auch um die Macht der Worte, die man auslässt.

Kampf um die Deutungshoheit Tür und Tor geöffnet

Drittens zeugt dieses "Wasch mich, aber mach mich nicht nass" von einem sehr komischen Social-Media-Verständnis. Palmer kündigt den Shitstorm an, noch bevor man als Nutzer weiß, um was es inhaltlich geht. Dann wundert er sich ein paar Stunden später, dass es tatsächlich einen Shitstorm gibt. Und dann noch mal ein paar Stunden später teilt er mit, dass es so viele Kommentare sind, die könne er nicht alle lesen und moderieren.

Man kann in sozialen Netzwerken nicht einfach die Verantwortung abgeben. Und als Politiker erst recht nicht.

Vor allem, wenn man so Shitstorm-erfahren ist wie Palmer. Denn dann überlässt man Spielraum und Deutungshoheit anderen. Und das sind in Social Media bekanntlich mehrheitlich nicht unbedingt die aus der gemäßigten Mitte. Palmer weiß das, zu seinem Social-Media-Verhalten und der Rolle der Medien gab es vor vier Monaten sogar eine Diskussion im SWR-Studio Tübingen. Da sagte der OB am Schluss auch, es sei ihm vor allem wichtig, mit den Bürgern in Kontakt zu kommen. Und dass er künftig mehr auf seine Worte achten will. Hat beides bisher eher nicht so gut geklappt.

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