Vorlesung im Zentrum für islamische Theologie in Tübingen. Muslimische Studentinnen hören einem Professor zu. (Foto: SWR, Florian Kössl)

Zehn Jahre Zentrum für Islamische Theologie an der Universität

Forschung und Ausbildung muslimischer Religionslehrer in Tübingen

STAND
AUTOR/IN
Magdalena Knöller

Absolventen des Zentrums für Islamische Theologie der Uni Tübingen arbeiten als Integrationshelfer, Islam-Experten und Religionslehrende. Es wurde vor zehn Jahren eröffnet.

Video herunterladen (10,7 MB | MP4)

Als das neue Studienfach der Islamischen Theologie damals an den Start ging, waren 36 Studentinnen und Studenten eingeschrieben. Ein Professor unterrichtete sie. Inzwischen sind es sieben Professoren und Professorinnen und rund 200 Studierende. Was sie mit ihrem Studium mal beruflich machen wollen, wissen sie schon.

Unterschied zwischen Islamwissenschaft und Islamischer Theologie

Anders als in dem bereits seit Jahrzehnten etablierten Studienfach der Islamwissenschaft oder Orientalistik, erforschen Islamtheologen ihre Religion vom Standpunkt ihres eigenen Glaubens aus. Das heißt aber nicht, dass sie sich nicht auch kritisch mit dem Islam und seinen unterschiedlichen Ausprägungen befassen. Reflektiert und teils distanziert auf die eigene Religion zu schauen, ist für viele Studierende neu, sagt Professorin Fahimah Ulfat.

Um was geht es in der Islamischen Theologie?

In Vorlesungen und Seminaren lernen die Studentinnen und Studenten zum Beispiel, den Koran zu deuten und islamische Traditionen auf heute zu übertragen. Arabisch-Lernen gehört auch dazu. Vor allem bei jungen Frauen kommt das Fach gut an. Seit Eröffnung des Tübinger Zentrums für Islamische Theologie studieren dort deutlich mehr Frauen als Männer.

Steuergelder für die Etablierung der Islamischen Theologie

Bund und Länder unterstützten die Etablierung einer Islamischen Theologie in Deutschland zehn Jahre lang mit Fördergeldern in Millionenhöhe. Auch in anderen Städten eröffneten ähnliche Zentren und Institute für Islamische Theologie: in Erlangen, Frankfurt, Münster und Osnabrück. Inzwischen kann man auch in Berlin und Paderborn Islamische Theologie studieren. Bei Tagungen und Forschungsprojekten arbeiten die Tübinger Wissenschaftler mit Forschern der anderen Institute eng zusammen.

Außenaufnahme des Zentrum für islamische Theologie im Winter 2022 (Foto: SWR, Florian Kössl)
Seit über zehn Jahren wird da Islamische Theologie gelehrt. Bald ist es aber soweit, dann zieht das Zentrum um. Florian Kössl

Neue Studiengänge aufgebaut

Im Wintersemester 2017 startete an der Uni Tübingen der bundesweit einzigartige Masterstudiengang "Praktische Islamische Theologie für Seelsorge und Soziale Arbeit". Die Studierenden werden damit auf die Arbeit in Krankenhäusern, Gefängnissen und in der Flüchtlingsarbeit vorbereitet.

Fahimah Ulfat, Professorin für Religionspädagogik, bereitet junge Musliminnen und Muslime darauf vor, später an Schulen Islamischen Religionsunterricht zu geben. Die Religionslehrer-Ausbildung war eines der zentralen Ziele von Bundes- und Landespolitikern, als sie im Januar 2012 das Zentrum feierlich eröffneten.

Eröffnung des Zentrum für islamische Theologie am 16.1.2012. Bernd Engler, Rektor der Universität Tübingen, Theresia Bauer, Landesministerin für Wissenschaft, ein Imam und andere durchtrennen ein rotes Band (Foto: SWR)
Am 16. Januar 2012 der historische Moment mit viel Politprominenz: die Einweihung des Zentrums für Islamische Theologie in Tübingen.

Keine Imamausbilung am Zentrum für Islamische Theologie

Die Politik warb ursprünglich in Bundestags- und Landtagsdebatten damit, dass an den Islamzentren auch Imame, also Vorbeter und Prediger für die Moscheen, ausgebildet werden. Das findet in Tübingen aber nicht statt. Das liegt auch an den muslimischen Verbänden und den fehlenden Strukturen dafür. In Osnabrück werden neuerdings Imame ausgebildet. Im baden-württembergischen Wissenschaftsministerium scheint das derzeit kein Thema zu sein.

"Das Tübinger Zentrum für Islamische Theologie hat genau das erfüllt, was Wissenschaftsrat und Politik im Sinn hatten: Eine Islamische Theologie im deutschen Wissenschaftssystem zu etablieren, die qualifizierte Theologinnen und Theologen sowie Lehrkräfte für den Islamischen Religionsunterricht ausbildet."

Weiteres Ziel: der interreligiöse Dialog

Ganz neu ist ein Studiengang mit christlichen und jüdischen Theologen: "Theologien interreligiös - Interfaith Studies". Laut Universität ist er bundesweit einzigartig. Er soll dazu beitragen, den Islam besser zu verstehen und Möglichkeiten des Dialogs zu suchen, so Ruggero Vimercati Sanseverino vom Zentrum für Islamische Theologie. An dem neuen Studiengang beteiligen sich neben dem Zentrum für Islamische Theologie die Katholisch-Theologische Fakultät sowie die Evangelisch-Theologische Fakultät samt ihrem Seminar für Judaistik.

Baustelle des neuen Gebäudes für das Zentrum für islamische Theologie auf dem Campus der Theologien in Tübingen. (Foto: SWR, Florian Kössl)
Im kommenden Jahr zieht das Islamzentrum um: direkt neben die Gebäude, in denen evangelische und katholische Studierende Theologie ausgebildet werden. Der "Campus der Theologien" wird gerade gebaut. Florian Kössl

Immer wieder Kritik am Islamzentrum

In der Vergangenheit gab es immer wieder Vorwürfe gegen das Zentrum für Islamische Theologie in Tübingen. Politiker verschiedener Fraktionen warfen Lehrenden vor, Kontakte zu Personen und Einrichtungen aus dem Umfeld der islamistischen Muslimbruderschaft zu haben. Professoren würden in Vorträgen oder bei Tagungen Islamisten ein Podium geben.

Eine interne Überprüfung der Universität konnte das nicht belegen. Um das Vertrauen nicht zu gefährden, einigte sich die Universität mit dem Vorstand darauf, dass das Zentrum für Islamische Theologie einen Richtlinienkatalog für Beschäftigte und Studierende erarbeitet.

Was steht in den Richtlinien?

In den Richtlinien heißt es unter anderem, dass die Wissenschaftler des Zentrums genau prüfen müssen, mit wem sie zusammenarbeiten, wen sie einladen oder welche Tagungen sie besuchen. Das Zentrum für Islamische Theologie der Uni Tübingen versteht die Kritik und dass die Öffentlichkeit genau hinschaut, was dort passiert: "Schließlich fließen ja Steuergelder in unsere Einrichtung", sagte der Direktor des Zentrums, Professor Erdal Toprakyaran, dem SWR.

Beirat entscheidet in bekenntnisrelevanten Fragen

Wenn das Zentrum für Islamische Theologie Studiengänge neu aufbaut oder verändert, schaut ein konfessionsgebundener Beirat auf die geplanten Inhalte. Ihm gehören neben zwei unabhängigen muslimischen Expertinnen und Experten drei Islamverbände an: die DITIB (Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion), die IGBD (Islamische Gemeinschaft der Bosniaken in Deutschland) und der VIKZ (Landesverband der islamischen Kulturzentren). Die Beiratsmitglieder haben auch das Recht, ein Veto einzulegen, wenn eine Professur neu besetzt wird. Das war laut Direktor Erdal Toprakyaran in den vergangenen zehn Jahren noch nie der Fall.

Mehr zum Thema

SWR1 Sonntagmorgen Gemeinsam für den Frieden – Religionen im Dialog

Vorurteile abbauen, voneinander lernen, religiöse Unterschiede besser verstehen - der Dialog zwischen den Religionen ist in den vergangenen Jahren gewachsen. Denn eines haben die großen Religionen gemeinsam: den Wunsch nach Frieden.  mehr...

Sonntagmorgen SWR1

STAND
AUTOR/IN
Magdalena Knöller