Leiche von Samuel Danziger liegt zugedeckt auf dem Boden (Foto: Jüdisches Museum Berlin)

SWR findet Hinweise zum Tod von Samuel Danziger

Er überlebte das KZ und wurde nach der Befreiung in Stuttgart erschossen

STAND
AUTOR/IN

Auschwitz hat er überlebt, seine Familie auch, sie fanden sich in Stuttgart wieder. 1946 wird Samuel Danziger bei einer Razzia erschossen. 75 Jahre später öffnet der SWR die Akten.

Als vor 76 Jahren die Alliierten Nazi-Deutschland besiegten, da war eines ihrer wichtigen Ziele die Menschen aus den Konzentrationslagern zu befreien. Politische Häftlinge, namenlos, nur über die Nummer identifizierbar, die ihnen auf den Unterarm tätowiert worden war. Sie hatten die Todesmaschinerie überlebt, sie waren gerettet. "Der gerettete Rest", wie sie sich selbst nannten.

Gedenktafel mit Foto von Samuel Danziger (Foto: SWR)
Die Gedenktafel an der Reinsburgstraße im Stuttgarter Westen.

Razzia im Zentrum für Displaced Persons

"Secret", geheim, steht auf jeder einzelnen der 380 Seiten schweren Ermittlungsakte zum Vorfall in der Stuttgarter Reinsburgstraße vor 75 Jahren. Die Untersuchung war von der amerikanische Militärregierung beauftragt worden. Denn mit deren Genehmigung hatte die Stuttgarter Polizei eine Razzia im Zentrum für Displaced Persons in der Reinsburgstraße damals durchgeführt. Der Verdacht: Schwarzmarktgeschäfte. 1.500 sogenannte DPs waren in dem Zentrum einquartiert, zumeist Überlebende der Vernichtungslager. Die Razzia lief aus dem Ruder, Samuel Danziger, Auschwitzüberlebender, wurde dabei erschossen. Der Täter aber wurde trotz umfangreicher Ermittlungen nie identifiziert und zur Rechenschaft gezogen. Dabei steht der Name des mutmaßlichen Todesschützen seit 75 Jahren unbemerkt in den Akten.

Akte mit der Aufschrift "Secret" (Foto: SWR)
Die Akten der amerikanischen Militärregierung.

Danziger findet seine Frau und seine zwei Kinder wieder

Samuel Danziger hat Auschwitz überlebt und den Todesmarsch nach Mauthausen. In Frankreich erfährt er, dass viele Überlebende aus seiner Heimatstadt Radom in Stuttgart untergekommen sind, in einem Zentrum für Displaced Persons in der Reinsburgstraße. Voll Hoffnung macht er sich auf den Weg. Das Wunder geschieht. Im Wohnhaus mit der Nummer 197 C öffnet sich die Tür und er kann seine Frau und die kleinen Kinder, die zehnjährige Saba und den fünfjährigen Marek in die Arme schließen. Auch sie haben das Konzentrationslager Auschwitz überlebt.

Video herunterladen (6,9 MB | MP4)

In den frühen Morgenstunden des 29. März 1946 bringt sich die Stuttgarter Polizei mit zwei Hundertschaften in der Reinsburgstraße in Stellung, voll bewaffnet und mit Polizeihunden. Über Lautsprecher trommelt sie die Bewohner auf die Straße. Schreckliche Erinnerungen für die ehemaligen Deportierten und Überlebenden des Holocaust. Eine Gruppe der Bewohner stellt sich der Polizei in den Weg. Die Situation eskaliert. Ein Schuss aus nächster Nähe wird auf Samuel Danziger abgegeben. Er ist sofort tot.

Aus den Akten:

"Kedman Z:, Rotenwaldstr. 8:
Ermittler: Wissen Sie den Namen des deutschen Polizisten, der Danziger erschossen   hat?
Zeuge: Nein, aber ich kann ihn wiedererkennen.
Ermittler: War er uniformiert?
Zeuge: Er war klein, uniformiert, ungefähr 45 Jahre alt"

 "Heim T.: Reinsburgstr. 197 a: 
Ermittler: Haben Sie gesehen wie Danziger erschossen wurde?
Zeuge: Ja. (…) Ein Polizist, ein kleiner, nahm seine Waffe und schoss. Vielleicht könnte ich ihn wiedererkennen"

Trotz dieser klaren Hinweise geht das US-Militär ihnen nicht nach. Und kommt zu dem Ergebnis:

"…. Der Bewohner des DP-Zentrums, S. Danziger, wurde durch den Schuss einer unbekannten Person getötet, als sich der Mob und die deutsche Polizei gegenüberstanden."

In den Zeitungsberichten von damals hieß es, ballistische Untersuchungen seien eingeleitet worden. Der Kreis derjenigen, die geschossen haben, hätten also zumindest identifiziert werden können. Doch nichts passiert. Die Akten werden wenig später geschlossen.

Konvolut mit Namen von Polizisten

Nach 75 Jahren gehen wir noch einmal in die Archive. Bei unseren Recherchen stoßen wir auf ein weiteres, nie beachtetes Konvolut. Und mitten in den 80 Seiten werden fünf Namen von Polizisten genannt, die Schüsse abgegeben haben. Und neben einem Namen steht:

"Oberwachtmeister … - der Mörder von Danziger."

Doch auch hier, wenige Seiten weiter, folgt das Resultat der Untersuchung. Der Schütze habe nicht ermittelt werden können.

Friedemann Rincke, Historiker im Stuttgarter Polizei-Museum "Hotel Silber" vermutet, die amerikanische Militärregierung wollte die Angelegenheit im Sande verlaufen lassen, weil sie es war, die die Razzia genehmigt hatte, mit vor Ort war und unzureichend eingriff.

Junge schaut auf den Grabstein seines Vaters (Foto: Jüdisches Museum Berlin)
Marek am Grab seines Vaters. Jüdisches Museum Berlin

"Marekle" hieß Danzigers Sohn

Marek, der kleine Sohn von Samuel Danziger, wurde von den Displaced Persons, viele aus seiner Geburtsstadt Radom, liebevoll "Marekle" genannt. Die Kinder, das war die Hoffnung der Überlebenden auf eine bessere Zukunft. Für den fünfjährigen KZ-Überlebenden, der in Stuttgart gerade seinen Vater wiedergefunden hatte, muss erneut eine Welt zusammengebrochen sein.

Als die Rote Armee zum Ende des Krieges das Konzentrationslager Auschwitz befreit, macht sie Filmaufnahmen von den Lagerkindern. Der kleine Junge, auf den die Kamera zufährt, und der seine Nummer auf dem Unterarm zeigt - das ist Marek, der Sohn von Samuel Danziger.

NS-Widerstand Vor 100 Jahren geboren: Sophie Scholl, NS-Widerstandskämpferin und Jugend-Ikone

Sophie Scholl gilt als Ideal des studentischen und jugendlichen Widerstands gegen den Nationalsozialismus — gemeinsam mit ihrem Bruder Hans Scholl und den anderen Mitgliedern der „Weißen Rose“. Ihr Engagement bezahlte sie mit ihrem Leben. Am 9. Mai 2021 ist der 100. Geburtstag der gebürtigen Württembergerin.  mehr...

STAND
AUTOR/IN