BW-Kultusministerin Theresa Schopper (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa | Marijan Murat)

Theresa Schopper (Grüne) im SWR-Interview

BW-Kultusministerin: Schulen sollen Kindern aus Ukraine Struktur und Geborgenheit bieten

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Was können Schulen in Baden-Württemberg für Kinder und Jugendliche leisten, die vor dem Krieg in der Ukraine geflohen sind? Ein Gespräch mit BW-Kultusministerin Schopper.

SWR: Frau Ministerin, wie kann es denn gelingen, ukrainische Flüchtlinge an Schulen in Deutschland, in Baden-Württemberg zu integrieren, wenn wir erst mal die Sprachbarriere vor uns haben?

Theresa Schopper: Die Sprachbarriere ist in der Tat ein großes Problem. Aber wir sind natürlich dabei, für die Kinder und Jugendlichen, die bei uns jetzt in den Schulen ankommen, so etwas wie Struktur und Geborgenheit aufzubauen. Die Kinder sind ja geflüchtet, sind auch zum Teil traumatisiert und brauchen einfach jetzt ein Stück weit Struktur für den Tag. Und sie sind natürlich oftmals sehr bildungsaffin. Es ist so, dass wir da zwei Wege gehen: Zum einen wissen wir, dass das Angebot aus der Ukraine, die Kinder online zu beschulen, nach wie vor in Teilen besteht, und die Kinder daran auch teilnehmen. Auf der anderen Seite sagen wir, sie sollen auch unkonventionell in den Klassen aufgenommen werden. Wo es mehrere Schülerinnen und Schüler aus der Ukraine sind, da richten wir auch entsprechende Klassen ein, damit sie Deutsch lernen. Denn das ist die wichtigste Voraussetzung, um im Schulsystem zu bestehen.

Bestehen die Freiheiten, solche Klassen einrichten zu können, denn für alle Schulen? Oder muss erst einmal die Genehmigung vom Ministerium eingeholt werden?

Wir sehen ja, wo viele Kinder ankommen. Wir stellen einen Unterschied zur Flüchtlingswelle 2015/2016 fest, wo vorwiegend berufliche Schulen betroffen waren, weil das vielfach jüngere Männer waren. Jetzt kommen die Kinder vor allem in den Primärbereich, also die Grundschulen, und natürlich in die Sekundarstufe eins und auch an die Gymnasien. Wir schauen, wo sind Kinder, in welchem Alter, mit welchen Vorbildungen. Und dann werden dort die Klassen eingerichtet oder aufgefüllt. Wir haben ja Sprachlernklassen, die schon am Start sind. Und damit wären dann die Kinder versorgt.

Was hören Sie denn aus den Schulen, wie dort mit der aktuellen Lage umgegangen wird? Läuft das überall problemlos?

Natürlich sind die Klassen an den Schulen oftmals schon gut gefüllt. Aber wir haben eine unglaubliche Hilfsbereitschaft und eine unglaubliche Welle der Akzeptanz. Alle packen mit an, sowohl von Seiten der Schulverwaltung als auch an den Schulen selbst, um den Kindern wirklich diese Struktur und auch Geborgenheit zu bieten. Der Krieg tobt nun schon seit fünf Wochen, die von Verlust geprägt sind. Da ist es besonders wichtig, dass wir an den Schulen ein Stück weit den Verlust dessen auffangen, was die Kinder bisher an Sicherheit hatten.

Die traumatischen Erfahrungen, die viele der Schülerinnen und Schüler gemacht haben, im Krieg oder auf der Flucht vor dem Krieg, haben Sie schon angesprochen. Wie können die Schulen denn in diesen Fällen ganz konkret helfen? Gibt es Hilfsangebote, um eben Traumata aufzuarbeiten?

Na ja, wir haben natürlich das ZSL (Zentrum für Schulqualität und Lehrerbildung) um Unterstützung gebeten. Das ZSL ist auch mit Hochdruck dran und hat schon Konzepte, wie man den ukrainischen Kindern helfen kann. Wir haben die Schulpsychologen, die dort verankert sind, damit man da auch eine entsprechende Unterstützung gibt. Wir haben natürlich auch auf unseren Internetportalen freiwillige Helferinnen und Helfer, die Dolmetscherdienste leisten können, weil natürlich ein Schulpsychologe erst arbeiten kann, wenn man sich auf einer Sprache verständigen kann. Da sind wir dabei. Aber ich glaube, das Wichtigste ist einfach, jetzt auch noch mal Strukturen zu schaffen, auch ein Stück weit diese Situation des Ankommens mit den Kindern aufzuarbeiten. Natürlich können wir ihnen die Sorge um die Familie, die in der Ukraine geblieben ist, die Sorge, wann sie wieder zurückkönnen, nicht abnehmen. Wir können nur versuchen, das einfach entsprechend zu lindern und da ein Stück weit Lebensfreude zu ermöglichen.

Wie groß schätzen Sie denn das Risiko ein, dass die Kinder aus der Ukraine zwar in Deutschland zur Schule gehen, aber inhaltlich vielleicht letztlich gar nichts mitnehmen können?

Das muss man sehen, wie lange die Situation eben dauert. Aber ich glaube der Schritt, den zum Beispiel das Bildungsministerium in der Ukraine gemacht hat, dass sie sagen: dieses Jahr machen wir die Abschlussprüfungen nicht, der ist richtig. Die Kinder haben jetzt das Abitur ohne Prüfung bekommen. Dass sie die Möglichkeit haben, mit diesem Abschluss hier einen Start hinzulegen, das finde ich immens wichtig. Denn da muss man sich nichts vormachen: Jemand, der jetzt kurz vor dem Abitur in der Ukraine gestanden wäre, hätte hier wahrscheinlich das Abitur nur mit sehr viel Mühe in einigen Jahren nachgeholt. Und da ist jetzt zumindest für diese Kinder die Möglichkeit gegeben. Das ist schon einmal ein wichtiger Schritt. Außerdem haben viele Geflüchtete momentan noch die Haltung: Wenn möglich, gehen wir gleich zurück. Wir wissen aber nicht, wie die Situation sich gestaltet. Wir tun jedenfalls alles, damit die Kinder hier momentan eine gute Zeit haben.

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