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Die Stuttgarter Krawall-Nacht ist drei Monate her. Immer noch ist die große Frage, wer waren die Täter? Kannten sie sich? Wurde die Randale organisiert? Im SWR-Interview spricht erstmals ein Beteiligter über die Nacht und schildert seine persönlichen Eindrücke.

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Bilder, die wohl nicht nur den Stuttgartern noch lange in Erinnerung bleiben. Eine Polizeikontrolle im Schlossgarten eskaliert. Hunderte Jugendliche ziehen daraufhin randalierend und plündernd durch die Stuttgarter Innenstadt. Sie verwüsten Geschäfte auf der Königsstraße und demolieren Polizeiautos. Greifen sogar Polizisten an. 83 Tatverdächtige hat die Polizei bisher ermittelt, 20 Beteiligte sitzen derzeit noch in Untersuchungshaft. Der Sachschaden dieser Nacht wird auf knapp eine halbe Millionen Euro geschätzt.

Alin sagt, er sei zufällig in die Krawalle geraten

Jung, männlich, single und betrunken: Das ist der Großteil der Jugendlichen und Männer, die vor drei Monaten am Wochenende in der Stuttgarter Innenstadt randaliert haben. Im SWR-Interview äußert sich erstmals ein Beteiligter und erzählt, was da vor sich ging und warum er mitgemacht hat.

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Er ist 24 Jahre alt, rumänischer Staatsbürger und ist vor zwei Jahren nach Deutschland gekommen. Er möchte anonym bleiben, deshalb nennen wir ihn "Alin". Er hat keine feste Arbeit und jobbt deshalb häufig als Kellner. Alin selbst sieht sich nicht als Kriminellen. Er träumt davon, eine Ausbildung zu machen. Der 24-Jährige erinnert sich noch sehr gut an jene Nacht. Denn eigentlich sei er nur zufällig in die Krawalle hineingeraten. Alin war an diesem Abend mit einem Freund zusammen in der Altstadt unterwegs gewesen. Der Freund ist verheiratet und musste zu seiner Frau nach Hause. Alin habe dann noch allein etwas getrunken. Er habe sich gegen Mitternacht auf den Heimweg gemacht und sei an einem der Läden vorbeigekommen, die gerade geplündert worden seien, erzählt er.

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"Die haben T-Shirts und Kappen geklaut, so Kleinigkeiten, nicht wirkliche Wertsachen. Und dann habe ich geguckt, und dann höre ich einen sagen: Alle rein! Und dann ging ich auch rein. Ich habe maximal drei T-Shirts mitgenommen."

Alin

Videos aus der Stuttgarter Krawall-Nacht auf Social Media

Die Szene vor dem Laden "Snipes" auf der Stuttgarter Königstraße wurde damals auf Social Media verbreitet. Alin erkennt sich in dem Video wieder. Er hätte für seine Verhältnisse viel Bier an dem Abend getrunken. 18 Bier seien es gewesen. Alin gibt zu, dass ihm klar war, dass er etwas Unrechtes tut: 

"Ja, auf jeden Fall. Es war mir bewusst, aber ich konnte es nicht wirklich beurteilen. Ich war betrunken, ich war voll."

Alin

Er habe einfach mitgemacht, er sei wie die Anderen voller Adrenalin gewesen, meint Alin. Danach habe er aber Angst vor der Polizei bekommen und die T-Shirts weggeworfen. Doch mit Hilfe von Überwachungskameras wurde er identifiziert. Zwei Wochen nach jener Nacht hatte er schon fast alles verdrängt. Bis er wegen Landfriedensbruch und Diebstahl verhaftet wird und für zweieinhalb Wochen in Untersuchungshaft kommt.

"Ich habe es nicht richtig realisiert, bis ich wirklich im Knast war. Da habe ich richtig realisiert, dass es gravierend war und es nicht spaßig ist, so etwas zu machen."

Alin

Alin ist geständig. Sein Anwalt Stefan Holoch holt ihn gegen Kaution aus der U-Haft. Die Kaution bezahlt seine Mutter. Jetzt wartet er auf seine Anklage und hofft auf eine Bewährungsstrafe.

Die meisten Beteiligten haben einen Migrationshintergrund

Der Stuttgarter Anwalt Stefan Holoch vertritt insgesamt zehn der mutmaßlichen Täter aus der Krawallnacht. Die meisten sind unter 25. Sein jüngster Mandant sei gerade mal 15 Jahre alt. Dieser habe Gegenstände gegen einen Polizeiwagen geworfen. Viele von seinen Mandanten hätten zwar einen Migrationshintergrund, aber es seien keine vernachlässigten Jugendlichen. Die Eltern würden sich um ihre Kinder kümmern, die Kaution stellen und sich sehr oft bei ihm melden, erklärt der Rechtsanwalt.

Ein möglicher Grund: Aversion gegen die Polizei

Nach den Aussagen seiner Mandanten waren die Krawalle in der Nacht nicht geplant. Der Stuttgarter Anwalt Stefan Holoch meint, dass in dieser Nacht eine Verkettung unglücklicher Umstände zusammengekommen ist. So hätten sich viele verschiedene kleine Gruppen in der Innenstadt aufgehalten. Die Polizei war in der Unterzahl und eine Polizeikontrolle habe dann zu den Krawallen geführt, sagte Holoch. Denn viele junge Leute wären von den vielen Kontrollen und der Präsenz der Polizei seit Einführung der Corona-Maßnahmen genervt gewesen und hätten eine Aversion gegen die Polizei entwickelt. Das Täterbild sei sehr einheitlich: jung, männlich, alkoholisiert, gelangweilt und single.

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Die meisten Mandanten von Stefan Holoch wären von der Untersuchungshaft bereits geläutert. Einige Tage oder sogar Wochen in U-Haft in Stuttgart-Stammheim wegen Diebstahls und Landfriedensbruch seien eine sehr harte Maßnahme.

Soziologe: "Auch die Politiker tragen eine Mitschuld an den Ereignissen"

Der Freiburger Soziologe Albert Scherr kritisiert die Maßnahmen als Überreaktion der Politik. Der Leiter des Instituts für Soziologie der Pädagogischen Hochschule Freiburg beschäftigt sich auch mit der Integration von Jugendlichen mit Migrationshintergrund. Nach seiner Einschätzung ist eine Untersuchungshaft für Jugendliche kontraproduktiv, stattdessen müsse man den jungen Leuten eine Perspektive bieten. Die Politik ist nach Ansicht Scherrs mit Schuld an den Krawallen in Stuttgart. Die Corona-Maßnahmen wären eingeführt und strikt umgesetzt worden, ohne den jungen Leuten eine Alternative zu bieten. Es sei klar gewesen, erklärt Scherr im SWR-Interview, dass sich bei den Jugendlichen dann eine Aversion gegen die Polizei entwickeln würde, die sich irgendwann entlädt.

Untersuchungshaft habe Wirkung gezeigt

Der Stuttgarter Anwalt Stefan Holoch sagt, dass die Untersuchungshaft bei seinen Mandanten schon großen Eindruck gemacht und Wirkung gezeigt habe. Die jungen Männer kamen laut Holoch geläutert aus der U-Haft zurück. Stefan Holoch hofft, dass seine Mandanten am Ende mit einer Bewährungsstrafe davonkommen. Denn viele sind Schüler oder Auszubildende und haben ihr Leben noch vor sich.

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