Mitglieder der Deutschen Bischofskonferenz nehmen am Eröffnungsgottesdienst der Herbstvollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz im Fuldaer Dom teil. (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa | Arne Dedert / Montage: SWR)

Debatte über Veränderungen in der katholischen Kirche

Maria 2.0: Wie viel Reform bringt der "Synodale Weg" wirklich?

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INTERVIEW
Ulrike Alex

Auf der dritten Synodalversammlung will die katholische Kirche wichtige Probleme ansprechen: Frauen im Priesteramt, sexuelle Orientierung, Missbrauchsskandale. Aber welche Lösungen zeichnen sich ab?

Die katholische Kirche kämpft mit einer Reihe von Problemen, aber sie will sich bessern, sagt sie. Mit dem "Synodalen Weg" sollen die schmerzhaften Themen angesprochen und gelöst werden. In Anbetracht der Schwere und der Vielzahl der Probleme ist fraglich, ob am Ende des Weges auch Lösungen stehen werden.

Monika Schmelter ist katholische Theologin und Teil der Initiative "Maria 2.0", die sich für Frauenrechte in der katholischen Kirche einsetzt, die sich aber auch mit dem jüngsten Gutachten zu den Missbrauchsskandalen beschäftigt.

SWR: Frau Schmelter, wie wütend sind Sie?

Monika Schmelter: Ich bin sehr, sehr wütend. Und das aus verschiedenen Gründen. Wir setzen uns natürlich in unserer Initiative Maria 2.0 für Frauen ein, aber viel umfänglicher auch für andere Gruppierungen. Wir verstehen uns so, dass wir sehr an der Seite der Betroffenen von sexueller Gewalt stehen. Das war ja auch mit eine Initialzündung für den Synodalen Weg. Da sind die Kirchenoberen, so finde ich, noch nicht sehr weit gekommen. Die Betroffenen sind wirklich schon sehr, sehr mürbe, und das kann ich kaum mehr ertragen.

SWR: Einige Bischöfe unterstützen den Synodalen Weg, andere wie der Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer sagen, die Empörung über den Missbrauch sei es, auf dem jetzt die Suppe des Synodalen Weges gekocht wird. Was entgegnen Sie ihm?

Schmelter: Das wird ja auch im Münchner Gutachten deutlich: Eine derartige Empathielosigkeit ist wirklich kaum noch zu ertragen. Ganz ehrlich: Ich möchte nicht persönlich mit Herrn Voderholzer sprechen, weil ich glaube, ich könnte wirklich nicht mehr an mich halten. Das ist wirklich den Betroffenen gegenüber ein Schlag ins Gesicht.

SWR: Es geht diesmal beim Synodalen Weg diesmal um "Klein-klein", es wird um Formulierungen gerungen, die aber - und jetzt ist es vorbei mit "Klein-klein" - mehrheitsfähig sein müssen, also auch von den beteiligten Bischöfen mitgetragen werden müssen. Kann denn das überhaupt gelingen?

Schmelter: Das ist die große Frage. Ich bin da sehr ambivalent. Wenn wir den Meldungen in der Presse Glauben schenken dürfen, dann sind ja doch einige Bischöfe jetzt plötzlich Freunde der nicht-heterosexuellen Menschen, haben sich über die Kampagne #outinchurch gefreut. Manches kann ich wirklich überhaupt nicht glauben. Manche sagen, wir brauchen Bischofsämter auf Zeit. Andere halten es für möglich, das Pflichtzölibat in Frage zu stellen. Einige sind, so glaube ich, wirklich reformwillig. Wie ernst sie es meinen, wird sich jetzt zeigen, denn die Statuten des Synodalen Wegs sagen, dass wir bei bestimmten Dingen in der Abstimmung die Zweidrittelmehrheit brauchen. Dann müssen sie ihren Amtsbrüdern hoffentlich schon vorher ordentlich auf die Füße getreten sein, damit diese Zweidrittelmehrheit für Reformen in der Kirche durchkommt. Sonst wird die Austrittswelle noch eine Dimension annehmen, die gar nicht mehr aufzuhalten ist.

SWR: Wenn wir auf das schauen, was sie erreichen wollen, um die Kirche aus Ihrer Sicht zukunftsfähig zu machen, dann zeigt ein Blick auf die evangelische Kirche, dass man auch mit verheirateten Pfarrerinnen in Amt und Würden die abnehmende Bedeutung der Kirche in der Gesellschaft und damit verbunden auch die Personalsorgen nicht stoppen kann. Müssen wir vielleicht noch mal ganz anders über Kirche der Zukunft nachdenken?

Schmelter: Das ist die große Frage. Das denke ich auf jeden Fall. Es geht ja nicht darum, dass wir die überragende Mehrheit in einer multikulturellen Gesellschaft sind oder bleiben. Es geht für mich um Wahrhaftigkeit. Es geht für mich darum, den Kern der jesuanischen Botschaft der christlichen Botschaft wieder ins Zentrum der Gesellschaft zu tragen. Und es geht darum, die katholische Kirche, die Institution aus der Unglaubwürdigkeit vielleicht auf einen neuen Weg zu bringen. Das wird sehr lange dauern. Da ist so massiv Vertrauen zerstört, vertuscht und gelogen worden. Da müssen wir einen langen Atem haben. Da wird sich zeigen, wer den noch hat.

SWR: Frau Schmelter. Sie leben mit ihrer Partnerin in einer lesbischen Beziehung. Das mussten sie 40 Jahre lang geheim halten, aus Rücksicht auf ihren Arbeitgeber, die katholische Kirche. Warum halten Sie dennoch an dieser Kirche fest und engagieren sich?

Schmelter: Ich habe während meines ganzen Lebens in der Kirche sehr glaubwürdige Menschen getroffen, die mir eine wirklich befreiende, jesuanische Botschaft nahe bringen konnten. Ich habe Theologie studiert und da Professoren wirklich glühend den Kern der christlichen Botschaft vermittelt, dass Gott will, dass Menschen frei leben, dass er auf der Seite der Unterdrückten steht. Ich als lesbische Frau in der Kirche fühle mich doppelt diskriminiert. Das waren Sätze und Botschaften, die mich sehr, sehr tief erreicht haben. Ich bin sehr, sehr tief im Glauben gegründet an einen Gott, der Menschen in die Freiheit führen will. Natürlich war das alles furchtbar, das auszuhalten in meiner langen Berufstätigkeit bei der Caritas. Und deswegen fordern wir ja auch mit #outinchurch: Das kirchliche Arbeitsrecht muss sich sofort ändern, damit diese furchtbare Diskriminierung von nicht-heterosexuellen Menschen aufhört.

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