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Es gibt schon ein paar recht seltene Naturphänome in Baden-Württemberg: Der Eichener See bei Lörrach gehört dazu. Erst vor einigen Jahren hat er alle seine Geheimnisse Preis gegeben.

Der Eichener See kommt und er geht auch wieder. Manchmal sehr schnell. Dann zeigt er sich unter Umständen jahrelang gar nicht. Um ihn ranken sich Legenden und gruselige Märchen. Sein realer Zauber ist aber anderer: Der Eichener See ruft Leben hervor, das Jahrmillionen alt ist.

Hartmut Heise ist auf der Jagd. Was er sucht ist nahezu durchsichtig - fast unsichtbar: Urzeitkrebse! Gerade erst sind sie geschlüpft im Eichener See bei Schopfheim. Als einziger darf der Naturschutzwart sie aus dem See holen um ihre Entwicklung bestimmen zu können: "Wir hatten vor einer Woche noch eine Eisfläche und jetzt haben wir doch nahe des Sees über zehn Grad Wärme und das kommt natürlich den Tannemastix, den kleinen Kiemenfusskrebsen natürlich entgegen."

Die kleinen Krebse sind abhängig vom Eichener See, der kommt und geht, wie es ihm gefällt. Der Legende nach wollte ein Bauer einst, dass seine Felder besser gedeihen. Deshalb rief er angeblich die Seewichte um Hilfe und versprach ihnen seine Tochter. Als diese jedoch einen Jungen aus dem Dorf heiratete, ließen die Wichte den See erscheinen, der das frischvermählte Paar verschlang.

Der Eichener See ist ein besonderes Stück Heimat. Über Generationen hinweg hat dieses Naturereignis die Menschen in der Region geprägt. Auch der Schopfheimer See-Historiker Wolfgang Bühler ist mit dem See groß geworden: "Es war Spielplatz schon in Kinderjahren. Wenn der See zugefroren war, haben wir ein Eisfloß losgebrochen, so fünf mal zehn Meter groß und sind quer über den See geschippert. Mit allen denkbaren Möglichkeiten - auch Reinfallen ins eiskalte Wasser. Schwimmen im See war auch möglich, natürlich. Es sind einfach wunderschöne Erinnerungen."

Heute weiß man, dass sich unter der Wiese poröses Muschelkalk-Gestein befindet. Bei genügend Schnee oder Regen drückt das Grundwasser nach oben. Eine Lehmschicht verhindert das schnelle Abfließen: ideale Bedingungen für die Millionenjahre alten Kiemenfüsser. Es gibt nur noch wenige Orte in Deutschland, an denen sie überhaupt noch vorkommen, sagt Naturschutzwart Hartmut Heise: "Die kleinen Dauereier, staubkorngroß, können Monate ja Jahre auf dem relativ Trockenen liegen und wenn dann der See zu solcher Größe anschwillt, dann entsteht wieder millionenhaftes, quirliges Leben im Eichener See. Und das ist natürlich toll."

Man müsse aber schon sehr genau hinschauen, um sie zu entdecken. Vor allem vom Ufer aus, sie sind nämlich ganz winzig. Man müsse sich wirklich mühen und das Auge schulen und schärfen, "sonst sieht man nichts. Aber es ist natürlich schon eine Sensation", sagen sie in Schopfheim.

Ja, der Eichener See ist eben etwas ganz Besonderes. In ein paar Wochen wird er wieder verschwunden sein. Bis dahin werden die Urzeitkrebse Millionen von Eiern hinterlegen. Und wenn der See - hoffentlich - wieder zurückkehrt, beginnt der Kreislauf des Lebens dort von Neuem.

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