Ethische Entscheidungsfindung-Workshop

Vom ethischen Konflikt zur Lösung im Schwarzwald-Baar-Klinikum

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AUTOR/IN
Samantha Happ
Samantha Happ (Foto: DASDING)

Neue Wege vom ethischen Konflikt zur Lösung sucht das Schwarzwald-Baar-Klinikum. In einem Workshop zu ethischen Entscheidungen werden Mitarbeitende für schwierige Situationen geschult.

Psychologinnen und Psychologen gehen davon aus, dass wir über den Tag verteilt etwa 20.000 Entscheidungen treffen. Viele davon basierend auf ethischen Überlegungen. So entscheiden wir, wo wir unser Fleisch kaufen, ob beim Metzger, im Discounter auf dem Bauernhof oder verzichten wir ganz darauf? Entscheidungen, über die wir meistens nicht lange nachdenken müssen. Doch was, wenn es vielleicht um noch mehr geht?

Am Schwarzwald-Baar-Klinikum müssen täglich unzählige ethische Entscheidungen getroffen werden. Etwa ein Mal im Monat handelt es sich dabei um eine besonders schwierige Entscheidungsfindung, bei der man auf eine klinische Ethik-Beratung zurückgreift.

Schwere Entscheidungen oft schon früh im Leben nötig

Denn selbst dort, wo das Leben meist gerade erst begonnen hat, bleiben schwere Entscheidungen leider nicht aus. So auch in der Abteilung von Eleni Komini, Leitende Oberärztin am Zentrum für Kinder- und Jugendmedizin und Teilnehmerin des Workshops zu ethischer Entscheidungsfindung. Sie behandelt unter anderem Kinder nach schweren Unfällen und Frühegeborene, die oft über lange Zeiträume auf der Intensivstation beatmet, behandelt und überwacht werden müssen. Dabei kommt es häufig zu Folgeerkrankungen und Fragen, die Eltern, medizinisches Personal und andere Mitarbeitende vor große Herausforderungen stellen.

Nicht nur philosophisches Herumfabulieren

Eben solche Erfahrungen, wie Eleni Komini sie in ihrem Alltag erlebt, sind Bestandteil des Workshops. Konkrete Fälle aus dem Alltag werden in dem Workshop von Ethikberater und Seelsorger Karl-Heinz Richstein aufgegriffen, in Rollenspielen nachgestellt und so den Teilnehmenden gezeigt, wie sie sich in die verschiedenen Rollen der an dem Gespräch beteiligten hineinversetzen können. Neben den Patientinnen und Patienten selbst, sofern diese dazu in der Lage sind, kommen Angehörige, Ärztinnen und Ärzte, Pflegekräfte, Ernährungsberatende sowie alle anderen, an der Behandlung beteiligten Personen bei einer ethischen Beratung zusammen, um sich auszutauschen.

"Wir gucken erstmal auf die Kommunikation, sind alle mit den gleichen Informationen versorgt und erst wenn wir eine gemeinsame Grundlage haben, können wir anfangen zu bewerten und schauen, in welche Richtung wir denn gehen wollen.“  

Als ein Beispiel für eine schwere Entscheidungsfindung im Alltag führt Karl-Heinz Richstein eine hochbetagte Patientin an, die bereits einen zweiten Herzschrittmacher implantiert bekam, der jetzt ersetzt werden muss. Sie selber sage aber, sie hätte jetzt das für sie ausreichende Alter erreicht und wolle diese OP nicht. Die Angehörigen dagegen seien einigermaßen fassungslos, weil man mit einem kleinen Eingriff das Leben der Patientin durchaus noch einmal verlängern könnte.

Hier stellt sich die Frage, wo Selbstbestimmung anfängt und aufhört, wie stark man die Wünsche der Angehörigen bei einer solchen Entscheidung gewichten möchte und welche Kriterien medizinisch für die eine oder die andere Entscheidung sprechen. Schwierige Entscheidungen seien keineswegs immer objektiv schwierig.

"Wir sind professionell Arbeitende, aber auch Menschen. Das kann man nicht trennen. Die Vorstellung der Arzt oder die Ärztin entscheidet über Leben oder Tod wird ein bisschen überschätzt, das entwickelt sich in einer Situation. Wir sind keine Herrscher über Leben und Tod, Gott sei Dank nicht."

Ethikberatung hilft auf Mitarbeitenden beim Verarbeiten

Zwischen Hoffnung, Empathie, Trauer und Wut in solchen Grenzsituationen, sei die Ethikberatung für die Mitarbeitenden eine tolle Chance das Erlebte aufzuarbeiten und zu verarbeiten. Früher habe man sich in der Kaffeepause oder auf dem Heimweg mit Kolleginnen und Kollegen über diese Fälle unterhalten. Trotz ihrer langjährigen Erfahrung mit schweren, ethischen Entscheidungen und obwohl noch drei Workshop-Tage bevorstehen, zeigt sich Eleni Komini rundum begeistert: 

"Man lernt immer wieder neue Seiten, neue Theorien, neue Aspekte kennen. Es motiviert einen dazu auch so darüber nachzudenken. Auch wenn jetzt nochmal Extremsituationen auftreten, dass man dann nochmal anders gerüstet darüber nachdenken kann, das gefällt mir am meisten.“ 

Erster Kurs in Baden-Württemberg

Was ursprünglich als keiner Kurs aus einer Personalnot heraus entstanden sei, ist dank heute dank regem Interesse ein Workshop, an dem selbst externes, medizinisches Personal und sogar ein Richter teilnehmen, um über ethische Entscheidungen zu diskutieren. Bislang handle es sich um den Baden-Württemberg weit ersten Workshop zu ethischer Entscheidungsfindung. Man stehe damit noch am Anfang, doch das Interesse an dem Thema sei bei vielen groß.