Ein Wolf im Wald (Symbolbild) (Foto: dpa Bildfunk, Boris Roessler)

Wolf im Südschwarzwald holt sich immer wieder Kälber

Wolfsexperte zu gerissenen Jungrindern in Bernau: "Das ist eine neue Dimension"

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AUTOR/IN
Ulrike Liszkowski

Im Südschwarzwald hat es ein Wolf offenbar auf Jungrinder abgesehen. Vier Angriffe gab es allein im August in Bernau (Kreis Waldshut). Das ist neu in Baden-Württemberg.

Viermal hat ein Wolf auf dem Gebiet der Gemeinde Bernau im August junge Rinder im Alter von bis zu 13 Monaten angegriffen. Sechs Tiere waren betroffen, wurden entweder gleich getötet oder teils auch schwer verletzt, so dass sie später starben. Genetische Untersuchungen haben nun den Verdacht bestätigt, dass ein im Südschwarzwald ansässiger Wolf sie alle gerissen hat. SWR-Moderatorin Ulrike Liszkowski hat darüber mit dem Wolfsexperten Micha Hertfelder aus Freiburg gesprochen.

SWR: Wölfe ernähren sich ja eigentlich hauptsächlich von Rehen, reißen immer mal wieder auch Schafe oder Ziegen. Und nun also auch Kälber. Ist das ungewöhnlich?

Micha Herdtfelder: Es ist so, dass Wölfe bei ihrer natürlichen Beutewahl sehr flexibel sind. Da sind kleinere Tiere dabei wie Hasen beispielsweise, die Hauptnahrung sind dann die mittelgroßen Tiere wie Rehe, aber eben auch der Rothirsch oder auch, in anderen Ländern, der Elch. Das heißt, Wölfe sind in der Lage, so große Tiere zu erbeuten. Und das kommt auch regelmäßig vor, dass Rinder erbeutet werden. Allerdings hatten wir das in Baden-Württemberg bislang selten - und jetzt so eine Häufung von Fällen.

SWR: Das war ja wohl immer auch der gleiche Wolf, ein Rüde, der sich hier in der Region niedergelassen hat?

Herdtfelder: Ja, das ist tatsächlich immer der gleiche Wolf gewesen bei den Fällen, wo wir das Individuum genetisch erfassen konnten. Und interessant ist, dass dieser Wolf tatsächlich noch nie auffällig gegenüber Schafen geworden ist. Das heißt, da hat ein Wolf Rinder für sich als Nahrungsmöglichkeit erschlossen. Und es ist auch bei den anderen Wölfen, die wir bislang im Land haben, noch nicht vorgekommen, dass dort Rinder attackiert wurden.

"Da hat ein Wolf Rinder für sich als Nahrungsmöglichkeit erschlossen."

SWR: Müssen dann Rinderhalter in der Region befürchten, dass der Wolf eben auf den Geschmack von Kälbern gekommen ist und gelernt hat, wie er die reißen kann?

Herdtfelder: Ja, es ist tatsächlich so, dass das eine neue Dimension ist. Wir sind da in engem Austausch auch mit den Verbänden, welche Empfehlungen jetzt für Rinderhalter ausgesprochen werden. Klar ist aber auch: Es betrifft vor allem die jüngeren Tiere, unerfahrenere Tiere werden da angegangen. Bislang sind also noch keine ausgewachsenen Rinder darunter, die auch wirklich erwachsen sind und auch ein ganz anderes Verhalten gegenüber Wölfen zeigen. Solche sind bislang noch nicht angegriffen worden.

"Wir rechnen damit, dass er immer wieder Rinder angreift. Aber es gibt auch Fälle, wo das einfach nach einer gewissen Zeit wieder aufgehört hat."

Aber die Jungrinder, die sind jetzt in dieser Region schon ganz klar in unserem Fokus, was die Herdenschutzberatung angeht. Es ist aber auch nicht klar, in welcher Intensität und ob das jetzt weitergeht. Also wir rechnen natürlich damit, dass er auch immer wieder Rinder angreift. Aber es gibt auch Fälle, wo das einfach nach einer gewissen Zeit wieder aufgehört hat.

SWR: Waren die Tiere denn gut genug eingezäunt? Da gibt es ja Vorgaben für Schafe und Ziegen, aber auch für Rinder?

Herdtfelder: Es gibt Empfehlungen, wie Zäune aussehen sollten, damit Wölfe diese Zäune nicht queren. Das sind in der Regel elektrifizierte Zäune. Das sind aber natürlich nicht die Zäune, mit denen man in der Regel bei Rindern arbeitet. Das sind also bislang ganz normal eingezäunte Rinder gewesen. Und da wird jetzt geprüft, welche Möglichkeiten für Rinderhalter auch umsetzbar sind, hier aufzurüsten. Da suchen wir jetzt auch Wege, sie zu unterstützen. Klar ist auch: Fünflitzige Zäune (Anm. d. Red.: Litze sind Einzeldrähte) überall da, wo Rinder stehen, das ist nicht das Ziel. Aber es gibt eben auch noch andere Ansätze.

In anderen Ländern wurden schon sehr gute Erfahrungen beispielsweise mit Lappenzäunen gemacht, wo dann eben Stoff- oder Kunststofffetzen dranhängen und sich im Wind leicht bewegen. Da haben Wölfe tatsächlich eine große Scheu davor. Das sind aber nur Sofortmaßnahmen, das hilft eine Weile. Und dann gewöhnen sich die Tiere auch daran. Aber solche Zäune weiterzuentwickeln, da laufen gerade auch national und international verschiedene Projekte dazu.

Um das Thema Wolf geht es auch am 28. September 2022 in unserem Debattenformat MixTalk. Eure Meinung interessiert uns:

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