Tag des Stotterns bei der Freiburger Selbsthilfegruppe

Selbsthilfe gegen Belastungen im Alltag

Wie sich Stotternde in Freiburg gegenseitig Mut machen

Stand
AUTOR/IN
Ann-Kathrin Moritz
Sebastian Bargon

Ganz Alltägliches kann für Stotternde herausfordernd werden. Freiburger Betroffenen bietet eine Selbsthilfegruppe Perspektiven.

Schätzungen zufolge stottern mehr als 830.000 Menschen in Deutschland. Die Sprechstörung kann für Betroffene zu einer großen Belastung im Alltag werden: Sie ziehen sich aus Gesprächen zurück, um andere nicht auszubremsen oder vermeiden herausfordernde Situationen ganz.  

Logopädie und Selbsthilfegruppe helfen Stotternden  

Helfen kann da neben der Logopädie und weiteren Therapiemöglichkeiten auch der Austausch mit anderen Stotternden. So zum Beispiel in der Freiburger Selbsthilfegruppe des Verbands Stottern & Selbsthilfe Baden-Württemberg.  

SWR-Reporter Sebastian Bargon hat die Freiburger Selbsthilfegruppe für Stotternde besucht.

Stotternde können in vertrauter Atmosphäre offen sprechen

Um einen großen weißen Konferenztisch haben drei Männer und eine Frau Platz genommen. Der Raum ist spartanisch eingerichtet. Trotzdem herrscht zwischen ihnen direkt eine vertraute Atmosphäre. Sie sind gekommen, um über etwas zu reden, was sie alle gemeinsam haben: das Stottern.   

Die 26-Jährige Eva Steißlinger kennt die Gruppe schon lange. Den Austausch mit anderen Stotternden habe sie enorm zu schätzen gelernt, so die Freiburgerin. Sonst habe sie sich immer irgendwie anders gefühlt, irgendwie nie ganz als Teil einer Gruppe.  

"Als ich das erste Mal andere Stotternde kennengelernt habe, hatte ich tatsächlich erstmals in meinem Leben das Gefühl, hier und jetzt komplett zugehörig zu sein."

Freiburger Selbsthilfegruppe für Stotternde
Freiburger Selbsthilfegruppe für Stotternde: Sascha Lucks organisiert die Treffen der Selbsthilfegruppe. Dieses Mal sind Uwe Bickerich, Eva Steißlinger und Gerhard Zimmermann gekommen (v.l.)  

Vor allem der Druck auf sich selbst lässt Stotternde verstummen

Sich verstellen müssen - das kennt Steißlinger nur zu gut. Dabei seien es weniger die Reaktionen ihrer Mitmenschen, die sie immer wieder zum Verstummen brächten. Vielmehr mache sie sich in bestimmten Situationen selbst zu viel Druck, sagt die 26-Jährige. Sie wolle dann keine Spaßbremse sein, coole Dinge sagen, die aber nicht so rüberkämen, wenn man stottere - deshalb versuche sie es erst gar nicht. Gerade in lustigen Gesprächsrunden werde sie so immer wieder zur stillen Teilhaberin.

Ähnliche Erfahrungen macht derzeit auch der 58-Jährige Gerhard Zimmermann. Er ist an diesem Abend nicht nur das erste Mal bei einem Treffen dabei, sondern trifft erstmals auf andere Menschen, die stottern. Seine Logopädin hat den Kontakt hergestellt. Nun ist er froh, den Schritt gewagt zu haben.

Stottern erst mit 50 - infolge einer Parkinson-Erkrankung 

Bis jetzt habe er sich immer alleine durchgekämpft, erzählt Zimmermann. Es falle ihm sehr schwer, mit seiner Sprechstörung umzugehen. In diesem geschützten Raum unter anderen Stotterinnen und Stotterern gehe es ihm besser damit, stellt Zimmermann nach nicht einmal zwei Stunden fest. 

Das erste Mal, seitdem er im Alter von 50 Jahren zu stottern begann, habe der das Gefühl, wieder ganz offen sprechen zu können. Ohne die Angst, was sein Gegenüber denken könne. Während der Rest der Gruppe bereits im Kindesalter mit der Sprachstörung zu tun hatte, ist sie bei Zimmermann erst zusammen mit seiner Parkinson-Erkrankung aufgetreten. Acht Jahre lang hat er bereits mit beidem zu kämpfen - für ihn ist das eine starke Doppelbelastung.  

"Die Parkinson-Krankheit macht mir schon arg zu schaffen und dann noch die Stotterei. Das belastet mich unglaublich."  

Betroffene lernen positive Aspekte des Stotterns kennen

Stottern mache einsam, sagt Zimmermann immer wieder. Eva Steißlinger sieht das inzwischen anders. Die Einstellung zu ihrer Sprechstörung zu ändern, war für sie ein langer und schwieriger Weg, den sie so nicht noch einmal erleben wollte, wie sie erzählt. 

Doch nun könne sie auch die positiven Aspekte des Stotterns genießen - zum Beispiel, dass sie in den Selbsthilfegruppen viele tolle Leute kennengelernt habe. 

"Ich würde nicht sagen, dass ich das Stottern jetzt liebe. Aber irgendwie würde ich es auch nicht weghaben wollen. Es ist einfach ein Teil von mir."

Steißlinger sagt, sie habe gelernt, das Stottern als einen Teil ihrer Identität zu akzeptieren Schwere Momente habe sie zwar nach wie vor – doch dann helfe ihr der Austausch mit anderen Stotterinnen und Stotterern.

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Ann-Kathrin Moritz
Sebastian Bargon