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Die Psychiatrische Klinik in Offenburg verzeichnet doppelt so viele Anmeldungen wie vor dem Lockdown. Gerechnet wird für die nächsten Monate mit einem weiteren Anstieg psychischer Notlagen bei Jugendlichen.

Wie verheerend der Lockdown sich für viele Jugendliche ausgewirkt hat, zeigt das Beispiel der 17-jährigen Kate. Für sie kam der Lockdown zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt. Ihre Schulkameraden hatten sie aus dem Klassenchat geworfen, der Tiefpunkt einer Mobbinggeschichte. Nun war sie mit ihren Selbstzweifeln allein.

"Es waren halt die Gedanken: Ich bin immer allein, mich braucht niemand. Es gibt niemanden, der sich für mich interessiert, ich könnte einfach gehen, es wird keinen interessieren."

Der Lockdown verschärfte Kates Situation, da sie ganz allein zu Hause war. Ihr Vater musste arbeiten. Sie beschloss einen Schulwechsel. Doch in der Einsamkeit des Lockdowns entwickelte sie eine übergroße Angst davor, auch in der neuen Klasse auf Ablehnung zu stoßen.

"Der Lockdown war ein soziales Gefängnis."

Viele Kinder und Jugendliche konnten im Lockdown kein positives Selbstbild aufbauen, alleine zuhause geht das nicht, sagt der Psychotherapeut Dr. Pascal Fischer. Schulen und Vereine seien Orte des sozialen Lernens, sozusagen Erprobungsfelder, um eine eigene gesunde Identität aufzubauen. Im Lockdown seien Jugendliche dieser Felder beraubt worden, gibt er zu bedenken: "Fehlen ihnen diese Entwicklungs- und Erfahrungsmöglichkeiten, bekommen sie Ängste und die Ängste führen zu Erkrankungen, Depressionen, Schlafstörungen, Unkonzentriertheit, innerem Rückzug bis hin zu Verweigerung von Essen- und Nahrungsaufnahme oder bis zu Selbstverletzungen."

Zahlen haben sich verdoppelt

Doppelt so viele Anmeldungen und Notfälle wie vor dem Lockdown verzeichnet die Klinik derzeit. Viele Defizite, die im Lockdown entstanden sind, zeigen sich erst jetzt mit den Schulöffnungen: "Unseren Kindern zuliebe müssen wir in Zukunft alles daransetzen, Schulen und Freizeitangebote offen zu halten, fordert der Kinder- und Jugendpsychologe.

Pascal Fischer appelliert an das Gesundheitsministerium, die Bettenkapazität der Kinder- und Jugendpychiatrien aufzustocken. Die Wartezeiten für Kinder und Jugendliche seien an seiner Klinik unzumutbar lang: "Weil die Psychiatrien zumindest in Baden-Württemberg mit ihrer Bettenkapazität schon lange am Ende sind und wir genau in diese drohende Situation hineinkommen dass wir viele lange warten lassen müssen, bevor wir sie aufnehmen können, obwohl sie dringend Behandlung bedürfen."

Klinikaufenthalt war Auszeit vom Lockdown

Die Zeit in der Klinik war für Kate wie eine Pause vom Lockdown. Die 17-Jährige hat inzwischen die Schule gewechselt und freut sich auf ihre neuen Klassenkameraden. Die sechswöchige Therapie in der Offenburger Klinik hat ihr Selbstbild stabilisiert. Sie hat gelernt, negative Gedankenspiralen zu durchbrechen und für sich einzustehen. Entscheidend für ihre Gesundung war aber auch das Zusammensein mit Gleichaltrigen in der Klinik.

"Hier sind viele Freundschaften entstanden. Mit vielen hier habe ich mich angefreundet und bin immer noch in gutem Kontakt. Das hat mir gut getan."

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