Gerhard Lehmann (rechts) und sein Freund Volkmar. Beide wurden zusammen in die Kinderkur nach Bad Dürrheim geschickt und sofort nach der Ankunft getrennt. (Foto: Gerhard Lehmann)

"Ich war für mein Leben traumatisiert!"

Verschickungskinder haben in Bad Dürrheim Schreckliches erlebt

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Das Rote Kreuz hat in Bad Dürrheim lange ein Erholungsheim für Kinder betrieben. Die sogenannten Verschickungskinder erholten sich dort aber nicht, sie mussten leiden.

Viele Menschen, die jetzt um die 70 Jahre alt sind, haben dramatisches Leid in ihrer Kindheit erfahren. Im Nachkriegsdeutschland der 50er und 60er Jahre wurden sie zur "Kur" geschickt. In vielen dieser Kurheime wurden sie, so erinnern sich Betroffene, drangsaliert, gedemütigt und für ihr Leben traumatisiert. Nun wollen die Verschickungskinder nicht mehr schweigen und vor allem wollen sie wissen: Was genau ist dort passiert, in den so genannten Kinderkuren, wie sie zum Beispiel in Bad Dürrheim durchgeführt wurden.

65 Jahre später: düstere Erinnerungen

Gerhard Lehmann beugt sich über Akten und Karten im Archiv des Rathauses von Bad Dürrheim. Er ist 72 Jahre alt. Rational und ganz cool will er sich mit dem Thema auseinander setzen. Er betrachtet die alten Lagepläne, wo das Heim war, in dem er als Kind in "Kur" war. Er blättert durch die alten Kurblätter aus den 70er Jahren. Beim Anblick der Fotos, kommt die Erinnerung.

Er war sieben Jahre alt, als er das erste Mal nach Bad Dürrheim musste. Seine Erinnerungen sind vage und düster. Dann zieht er zwei Postkarten aus der Tasche. Mit seinem besten Freund wurde er zu einer dieser Kuren ins Kindersolbad geschickt.

"Gleich nach dem Eintreffen wurden wir Freunde getrennt, wie auch alle Geschwister grundsätztlich getrennt wurden. Das war Erziehungsprinzip. Wir haben uns dann sechs Wochen nicht mehr gesehen."

Gewicht zulegen als Hauptziel der Kinderkur

Heute ist das ehemalige Kindersolbad am Stadtrand von Bad Dürrheim vernagelt und verfallen. Seit 2014 steht es leer, ein Insolvenzverwalter ist der Eigentümer. In den 50-er und 60-er Jahren waren hier 320 Kinder gleichzeitig untergebracht. Sie wurden von der Ärzten hierher geschickt, sollten sich erholen und an Gewicht zunehmen. Das kann Gerhard Lehmann in den Kurblättern lesen. Darüber hinaus ist wenig bekannt. Das Badische Rote Kreuz hat die Einrichtung zuletzt betrieben. Dort gibt es, so die Auskunft, wenige Unterlagen. Diese werden aber derzeit von einem Historiker sortiert und ausgewertet.

Betroffene berichten von Psychoterror

Seit einigen Jahren wird das Leid der Betroffenen aufgearbeitet – durch die ehemaligen Verschickungskinder selbst. Viele haben das große Bedürfnis, über ihre Erlebnisse zu sprechen und Genaueres über die damaligen Zustände zu erfahren. Die Vorwürfe wiegen schwer: Sie wurden zum Essen gezwungen, Medikamentenversuche und sexuellen Missbrauch soll es gegeben haben. Regungslos mussten sie in den Sole-Wannen sitzen, sie durften keine persönlichen Spielsachen mitbringen. Viele berichten von einer Atmosphäre der Angst und des Psychoterrors.

Das ehemalige Kindersolbad Bad Dürrheim: das Gebäude, das in den 50er und 60er Jahren als Kindererholungsheim diente, steht inzwischen leer und verfällt. (Foto: SWR)
Das ehemalige Kindersolbad Bad Dürrheim: das Gebäude, das in den 50er und 60er Jahren als Kindererholungsheim diente, steht inzwischen leer und verfällt.

Makabre Erziehungsmethoden: An den Pranger gestellt

Gerhard Lehmann steht vor dem riesigen Komplex, das einmal das Kindersolbad war. Drei Stockwerke hoch, die meisten Fenster sind vernagelt oder zerstört, rundherum wuchern Hecken, es liegt direkt am Waldrand. An zwei Geschichten kann er sich genau erinnern: Einmal wurde er zu unrecht beschuldigt, etwas gestohlen zu haben. Darauf musste er mit einen großen Schild um den Hals durch den Ort laufen, auf dem stand: "Ich bin ein Dieb". Ein Kind öffentlich an den Pranger stellen: eine Methoden der schwarzen Erziehung.

Traumatisierung hat sein Leben bestimmt

Immer wieder muss Gerhard Lehmann schlucken, wendet sich ab. Auch wenn die Erinnerungen nur vage sind, so haben sie ihn doch für sein Leben geprägt. Er erinnert sich auch ganz genau an ein Bild, das ihn seit 60 Jahren nicht loslässt: der Blick aus dem Fenster des Schlafsaals in den dunklen Tannenwald.

"Diese Tannen lösen fast mehr aus, als das Haus. Ich habe noch ein Bild im Kopf, wie ich im Bett liege und nachts aus dem Fenster schaue, in eine Vollmondnacht, und dann dieser Satz: So geht man nicht mit Kindern um und in diese Welt setzt man keine Kinder. Ich bin nicht umsonst kinderlos geblieben."

Bürgermeister bemüht sich um Aufklärung

Jonathen Berggötz ist Bürgermeister von Bad Dürrheim und 35 Jahre alt. Die Geschichte berührt ihn. Er macht es sich nicht einfach und will helfen. Erstmal entschuldigt er sich - obwohl die Stadt gar nicht verantwortlich ist. Sein Anliegen ist es nun, aufzuklären und mit den Menschen ins Gespräch zu kommen.

"Wir müssen uns natürlich mit der Vergangenheit auseinander setzen und schauen jetzt, dass wir ehemalige Kinder, die vor Ort waren, und ehemalige Erzieherinnen zusammenbringen."

Das Kindersolbad in Bad Dürrheim wurde zuletzt vom Badischen Roten Kreuz betrieben.  (Foto: Landesarchiv BW, Foto: Albert Rastedter)
Das Kindersolbad in Bad Dürrheim wurde zuletzt vom Badischen Roten Kreuz betrieben. Landesarchiv BW, Foto: Albert Rastedter Bild in Detailansicht öffnen
Das Kindersolbad in Bad Dürrheim: Die Kinder wurden sechs Wochen lang verschickt, Besuch der Eltern war nicht erlaubt. Landesarchiv BW, Foto: Albert Rastedter Bild in Detailansicht öffnen
Das Kindersolbad in Bad Dürrheim: Im Untersuchungszimmer soll es zu sexualisierten Übergriffen gekommen sein. Landesarchiv BW, Foto: Albert Rastedter Bild in Detailansicht öffnen
Das Kindersolbad in Bad Dürrheim: Die Kinder durften sich kaum bewegen und sollten an Gewicht zunehmen. Landesarchiv BW, Foto: Albert Rastedter Bild in Detailansicht öffnen
Kindersolbad in Bad Dürrheim: Viele ehemalige Verschickungskinder berichten von einer Atmosphäre der Angst und schwarzer Pädagogik. Landesarchiv BW, Foto: Albert Rastedter Bild in Detailansicht öffnen
Kindersolbad in Bad Dürrheim: Private Spielsachen waren verboten. Landesarchiv BW, Foto: Albert Rastedter Bild in Detailansicht öffnen
Kindersolbad in Bad Dürrheim: In den Schlafsälen wurden Geschwister und Freunde getrennt untergebracht. Landesarchiv BW, Foto: Albert Rastedter Bild in Detailansicht öffnen
Kindersolbad in Bad Dürrheim: Auch in den Badewannen durften sich die Kinder nicht bewegen. Landesarchiv BW, Foto: Albert Rastedter Bild in Detailansicht öffnen

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