Gerichtssaal Offenburg (Foto: SWR, Markos Kastanis)

Letzter Prozesstag in Offenburg

Yves R. aus Oppenau wegen Geiselnahme zu drei Jahren Haft verurteilt

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Vor dem Landgericht Offenburg ist das Urteil gegen den 32-jährigen Yves R. aus Oppenau (Ortenaukreis) gefallen. Er war im Sommer 2020 im Schwarzwald tagelang von einem Großaufgebot der Polizei gesucht worden.

Drei Jahre Haft wegen Geiselnahme in einem minderschweren Fall, gefährlicher Körperverletzung und unerlaubten Waffenbesitzes: So lautet das Urteil gegen Yves R. Nach anderthalb Monaten ist mit der Urteilsverkündung am Nachmittag der Prozess gegen den 32-Jährigen vor dem Landgericht in Offenburg zu Ende gegangen. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. Die Verteidigung hat angekündigt, Revision einzulegen. Der Richter Wolfgang Kronthaler sprach in seiner Urteilsbegründung von einem Mann, der unter einer Persönlichkeitsstörung leide und schon oft straffällig geworden sei. Yves R. nahm das Urteil ohne sichtliche Regung entgegen, an seiner Mimik und Gestik änderte sich nichts.

Verteidigerin Melanie Mast und Staatsanwalt Kai Stoffregen zum Urteil

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Die ausführliche Urteilsbegründung

Der Richter erklärte, dass sie abwägen mussten: Für Geiselnahme sind laut Strafgesetzbuch mindestens fünf Jahre Haft vorgesehen. In diesem Fall habe es sich aber nur um wenige Sekunden gehandelt. "Das war nicht vergleichbar mit dem Entschluss, eine Bank auszurauben, dort eine Geisel zu nehmen und sie stundenlang zu halten", so der Richter.

Strafmildernde Umstände

Es ist laut Kronthaler von einem spontanen Tatentschluss auszugehen. "Sie haben im Wesentlichen zur Aufklärung beigetragen und ihr Bedauern geäußert", sagte er zu Yves R. Außerdem käme er nun zum ersten Mal in Erwachsenenhaft. Die mediale Berichterstattung werde ihn sein Leben lang begleiten.

Was sich nachteilig auf das Strafmaß auswirkte

Zu Lasten von Yves R. geht laut Richter Folgendes: "Sie sind schon sehr lange vorbestraft und waren wegen eines einschlägigen Waffendeliktes auf Bewährung. Sie haben neben der Geiselnahme auch weitere Straftaten begangen und wiesen dabei ein hohes Gefahrenpotenzial auf." Zudem habe der 32-Jährige einen Polizeibeamten mit der Axt verletzt. Auch die Aussage der Polizisten vor Gericht wirkt sich offensichtlich nachteilig aus. "Die Polizisten sagten einstimmig aus, dass Sie zu Beginn der Tat, bei der Entwaffnung und der Geiselnahme sehr abgebrüht und strukturiert waren. Sie wussten genau, was sie da tun." Die Polizisten hingegen, so der Richter, hätten sich nicht fehlerhaft verhalten. Auch die Tatsache, dass Yves R. trotz mehrfacher Aufforderung nicht die Waffen weggelegt, sich nicht ergeben habe und sich nicht durchsuchen lassen wollte, wird ihm ebenfalls zur Last gelegt. Dazu kommt, dass er nicht gestanden habe, den Beamten mit der Axt vorsätzlich verletzt zu haben. Den Einsatz der Elektroschockpistole, des Tasers, berücksichtigte der Richter ebenfalls. Das habe Yves R. in eine besondere Situation gebracht. Aber: "Mehrere Beamten haben gesehen, dass Sie gezielt und mit voller Kraft in Richtung des Beamten geschlagen haben." Dazu gebe es auch eine Video-Aufnahme. Außerdem habe Yves R. nicht gestanden, einen der Polizeibeamten mit einer Waffe bedroht und als Geisel benutzt zu haben, um die anderen Polizisten vor der Tür zu entwaffnen.

SWR Reporterin Christine Veenstra
im Gespräch mit SWR Moderatorin Marion Eiche

Forderungen von Staatsanwaltschaft und Verteidigung weit auseinander

Die Staatsanwaltschaft hatte für den Angeklagten eine Freiheitsstrafe von drei Jahren und neun Monaten Haft gefordert, die Verteidiger anderthalb Jahre auf Bewährung. Zu Prozessbeginn am 15. Januar hatten die Verteidiger eine Erklärung verlesen, in der Yves R. beschreibt, wie er am 12. Juli 2020 in einer Hütte von Polizisten kontrolliert worden war, wie er sie in Angst vor einer Festnahme mit seiner Schreckschusswaffe bedroht und ihnen die Dienstwaffen abgenommen hatte.

Fünf Tage Fahndung bis zur Festnahme

Als Geiselnahme in minderschwerem Fall bewertete das die Staatsanwaltschaft. Die Verteidiger gingen von Widerstand und schwerem tätlichen Angriff gegen Vollstreckungsbeamte aus. Nach ihrer Darstellung wurde der Angeklagte in die Enge getrieben. Provokationen eines Polizisten hätten zur Eskalation geführt. Erst nach fünftägiger Fahndung durch ein Polizeigroßaufgebot war Yves R. mit den vier Dienstwaffen gefasst worden. Bei der Festnahme verletzte er einen Polizisten mit einer Axt am Fuß. Laut einem psychiatrischen Gutachten war er in dieser Situation infolge von Hunger Durst, Schlafmangel und Schmerz nur vermindert schuldfähig. Es attestiert dem einschlägig vorbestraften Mann zudem eine multiple Persönlichkeitsstörung.

Was ist im Juli 2020 passiert? Ein Rückblick in Kürze

In der Kleinstadt Oppenau im Ortenaukreis herrschte eine knappe Woche lang Ausnahmezustand. Der Angeklagte Yves R. soll am Sonntag, 12. Juli 2020, bei einer Kontrolle an seiner Gartenhütte eine echt aussehende Schreckschusswaffe gezogen und einen Polizisten als Geisel genommen haben. Anschließend soll er vier Polizisten entwaffnet und sich im Wald versteckt haben. Mit einem Großaufgebot von insgesamt 2.500 Beamten und mehreren Hubschraubern hat die Polizei in den Wäldern rund um Oppenau nach dem Mann gesucht. Am sechsten Tag wurde er festgenommen und sitzt seither in Untersuchungshaft. Bei seiner Festnahme soll er einen Polizisten mit einem Beil am Bein verletzt haben.

Die ausführliche Berichterstattung im Liveblog aus dem Juli 2020:

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