Russlanddeutsche in Lahr

Ukraine-Krieg stellt Spätaussiedler-Community auf harte Probe

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Der Krieg in der Ukraine stellt die Community der sogenannten Spätaussiedler auf die Probe. Viele haben Verwandte in Russland und der Ukraine. Die Meinungen zum Konflikt gehen auseinander.

Wer bei gutem Wetter durch Lahrs Stadtpark oder die Innenstadt spaziert, ist umgeben von vielen unterschiedlichen Sprachen. Nach Deutsch hat man hier auf Russisch die besten Chancen, sich verständlich zu machen. Denn geschätzt hat jeder oder jede Vierte in der Stadt familiäre Wurzeln in der früheren Sowjetunion. Auch am Supermarkt am Königsbergerring, der vor allem osteuropäische Lebensmittel anbietet, sprechen viele Kunden slavische Sprachen.

Dort hat Friedrich Schwendich gerade seinen Einkauf erledigt. Er stammt gebürtig aus dem Süden Sibiriens und ist 1991 nach Lahr gekommen. Er ist politisch sehr interessiert und beobachtet seit Annexion der Krim im Jahr 2014 mit wachsender Sorge, was in Osteuropa passiert.

Friedrich Schwendich lebt seit langem in Lahr. Gebürtig kommt er aus Sibirien. (Foto: SWR)
Friedrich Schwendich lebt seit mehr als 30 Jahren in Lahr. Gebürtig kommt er aus Sibirien.

"Für mich war das zu erwarten. Ich war schockiert von der Krim. Der Rest ging dann in die gleich Richtung", sagt er. Er ist wenig optimistisch, was den Krieg und die Zukunft der früheren Sowjetstaaten angeht.

"Putin benimmt sich wie ein Hooligan in der Schule. Die Noten sind schlecht, also macht er mit den Fäusten rum."

Was Schwendich nicht versteht, ist, dass sich viele Menschen einfach nicht für die Entwicklungen interessiert hätten.

Wer sich in der Community der Spätaussiedler umhört, trifft tatsächlich auf einige Menschen, die zu den Ereignissen nicht Position beziehen möchten. In einem russischen Geschäft erklärt eine Dame am Telefon gar, sie wisse nichts vom Krieg. Kann das Desinteresse sein? Oder ist es die eigene Zerrissenheit, sind es sprachliche Hürden?

Lahrs Oberbürgermeister Markus Ibert, der am Rathaus inzwischen die ukrainische Flagge hat hissen lassen, hat in den vergangenen Tagen mit vielen sogenannten Russlanddeutschen gesprochen. Er hat Verständnis für die Zurückhaltung.

"Sowohl die ukrainische als auch die russische Bevölkerung ist sehr betroffen. Ich verstehe die Menschen, die jetzt nicht noch mehr Öl ins Feuer gießen wollen."

Vor den Wohnblocks am Lahrer Kanadaring, wo nach dem Abzug kanadischer Soldaten vor rund 30 Jahren hunderte Spätaussiedler eingezogen waren, steht ein Mann an einem silbernen BMW. Er heißt Alexander und will etwas sagen.

„Ich finde schon, dass Russland recht hat. Acht Jahre haben die das Doneszk mit Bomben beschmissen. Das war kein Problem. Deutschland hat nichts gesagt. Keiner hat was gesagt. Jetzt bombardieren sie die Ukraine und jetzt Russland ist der Böse und so weiter." Er finde das unfair, so Alexander. Amerika und die Nato seien die Provokateure.

Oberbürgermeister sieht bisher keine Spaltung in der Community

Die persönlichen Einstellungen zum Krieg liegen in der Community der Russlanddeutschen teils weit auseinander. Oberbürgermeister Markus Ibert sieht allerdings bisher keine Spaltung und warnt davor, entsprechende Konflikte herbeizureden. Die Menschen sollen mit einander reden, appelliert er. Und sie sollten sich zuhören.

"Menschen, die sich zuhören, schießen nicht aufeinander."

Tatsächlich bemühen sich viele in der Community darum, den Zusammenhalt zu wahren. Einfach ist das aber nicht. Am osteuropäischen Supermarkt am Königsbergerring lädt Rita Platonov ihre Einkäufe ins Auto. Sie möchte sich äußern. Die Sache ist ihr wichtig. Sie legt die Hand aufs Herz und sagt, sie habe Freunde die mehr Sympathie zu Russland hätten, und andere mit mehr Sympathie für die Ukraine. Platonov selbst kommt aus Kasachstan, das früher ebenso zur Sowjetunion gehörte.

Rita Platonov kommt gebürtig aus dem Gebiet des heutigen Kasachstan. Sie hat viele Freunde aus Russland und der Ukraine. (Foto: SWR)
Rita Platonov kommt gebürtig aus dem Gebiet des heutigen Kasachstan. Sie hat viele Freunde aus Russland und der Ukraine.

"Wir sind alle sozusagen Ex-Sowjetunion. Wenn wir uns treffen, reden wir auf Russisch. Viele von uns weinen nur. Aus Russland, aus der Ukraine, aus Kasachstan.“

Auch jetzt steigen Rita Platonov Tränen in die Augen. Zwar kommt sie nicht aus einem der am Krieg beteiligten Länder aber der Krieg im Osten bewegt sie tief.

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