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In den Pflegeheimen wird die Situation immer dramatischer nach einem guten Jahr Corona-Isolation und Einsamkeit. Und das obwohl inzwischen die allermeisten Heime durchgeimpft sein dürften. In Steinen wurden Lockerungen jetzt gerichtlich verhindert.

In Steinen (Landkreis Lörrach) wollten Seniorinnen und Senioren endlich mal wieder gemeinsam Mittagessen. Mehr nicht. Doch obwohl alle auch dort inzwischen geimpft sind, sagte das zuständige Landratsamt in Lörrach "Nein". Und dieses Nein wurde vom Verwaltungsgericht Freiburg bestätigt und in zweiter Instanz gestern auch vom VGH in Mannheim. Begründung der Richter, trotz Impfung sei einer Weiterverbreitung der Infektion nicht ausgeschlossen.

Eigentlich geht es nur um ein gemeinsames Mittagessen, trotzdem ist die dazugehörige Akte inzwischen schnell und auffällig dick geworden. Ihr Inhalt birgt Brisanz, glaubt Anwalt Patrick Heinemann, der das Seniorenzentrum in Steinen vor Gericht vertritt. Niemand in dieser Geschichte hatte bislang auch nur die geringsten Zweifel an Hygieneregeln, Schnelltest und Impfungen. Doch was kommt danach, wenn die betroffenen Risikogruppen den zurzeit bestmöglichen Schutz bekommen haben? Das Restrisiko, auf das sich die Gerichte beziehen, sagt Heinemann, werde man nie ausschließen können: "Die Bewohnenden des Seniorenheims wollen schlicht und ergreifend gemeinsam in Gesellschaft essen. Und das ist doch ein ganz altes menschliches Grundbedürfnis. Dieses bisschen Freiheit den Senioren zu verwehren, aufgrund des verbliebenen minimalen Restrisikos, das würde ich sagen, steht außer Verhältnis."

In Steinen, sitzt Hansjörg Noe im Seniorenzentrum Mühlehof. Er ist fast 80, er malt, macht Linolschnitt, in der Ecke seines Wohnzimmers steht eine kleine Modelleisenbahn. Wenn er seine Hobbies nicht hätte, sagt er, wäre er längst verrückt geworden, nach einem Jahr in Gefangenschaft. Er wählt drastische Worte - aber genauso fühlt es sich für ihn an. Anderen ginge es noch viel schlechter als ihm, erzählt er: "Dieses Eingesperrt-Sein macht depressiv. Und man muss sich immer selber an den eigenen Haaren aus dem Sumpf ziehen. Solange man Kraft hat geht es und wenn die Kraft weg ist, die seelische Kraft, geht das halt nicht mehr."

Sie haben viel durchgemacht im Mühlehof. 14 Menschen sind hier mit Corona gestorben, schon allein deshalb sind sie um größtmöglichen Schutz bemüht. Doch inzwischen sind alle mit Biontech/Pfitzer geimpft, jenem Wirkstoff, dem Studien eine hohe Wirksamkeit bescheinigen. Doch ihr kleines Café bleibt weiter geschlossen. Und während hunderte Flüge in den Osterurlaub nach Mallorca starten, dürfen Seniorinnen und Senioren im Mühlehof noch nicht mal miteinander Mittagessen, klagt Wolfram Uhl von der Heimleitung des Seniorenzentrum Mühlehof in Steinen: "Es geht grad so weiter und ich weiß, nicht wie lange soll das gehen? Bis 2023, bis der letzte Deutsche geimpft ist oder wie soll's gehen? Wir wissen das nicht! Es gibt ja auch keine Perspektive. Traurig, traurig macht mich das."

Sie leiden schon sehr lange und fordern jetzt ein, was ihnen in Aussicht gestellt wurde. Der Mühlehof sieht Menschenrechte massiv eingeschränkt und will nach dem "Nein" des Verwaltungsgerichts Freiburg jetzt vor das Bundesverfassungsgericht ziehen. Das Schicksal der Seniorinnen und Senioren aus Steinen könnte zu einem Präzedenzfall werden - richtungsweisend für andere Heime in ganz Deutschland.

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