Eine Sozialstation am Hochrhein zeigt wie es geht

Im Klettgau ist Pflege ein Traumberuf

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AUTOR/IN
Petra Jehle

Die Arbeit in der Pflege ist gut bezahlt und macht Spass. Das sagen die Mitarbeitenden der Sozialstation Klettgau-Rheintal: Pflege ist für sie ein Traumberuf.

Schlechte Bezahlung und miese Arbeitsbedingungen - diesen Ruf hat der Pflegeberuf. Doch nicht überall stimmt das. In der Sozialstation Klettgau-Rheintal in Grießen (Kreis Waldshut) sprechen Mitarbeitende von einem Traumberuf, den sie nicht wieder eintauschen wollen.

Mitarbeitende der Sozialstation bei der Arbeit  (Foto: SWR)
Andrea Schmid hat als Aushilfe angefangen und ist jetzt Leiterin der Tagespflege.

Andrea Schmid begrüßt jeden, der zu ihr in die Tagespflege kommt, mit Namen und spricht liebevoll von "meinen Gästen". Sie ist gelernte Kinderkrankenschwester. Vor 22 Jahren hat sie als junge Mutter im Erziehungsurlaub eine Arbeit in der Nähe gesucht. Sie wollte nebenher etwas dazu verdienen, aber sie war zeitlich festgelegt. Bei der Sozialstation Klettgau-Rheintal fand sie den passenden Arbeitgeber. Die Arbeit hat ihr so gut gefallen, dass sie bis heute geblieben ist. Sie hat sich von der Aushilfe zur Pflegedienstleiterin hochgearbeitet.

"Wir waren zu dritt. Drei junge Mamas mit Kindern. Wir haben uns eine Patiententour geteilt und die war auf uns zugeschnitten. Und so war das toll. Die Kinder waren versorgt, so konnten wir schaffen gehen."

"Wunschplan" nennen sie das Angebot für Eltern. Väter und Mütter haben bei Urlaubs- und Dienstplänen Vorrang. Die Arbeitszeiten sind individuell zugeschnitten und die Teams werden so zusammengestellt, dass im Notfall gegenseitig ausgeholfen werden kann.

Mitarbeitende der Sozialstation bei der Arbeit  (Foto: SWR)
Michaela Würth hat mit 52 Jahren gekündigt und ist vom Büro in die Pflege gewechselt.

Auch Manuela Würth will ihre letzten 13 Berufsjahre in der Pflege verbringen. Sie hatte genug von ihrem Bürojob und der Einsamkeit im Homeoffice. Einen Tag hat sie in die Sozialstation hineingeschnuppert und war sofort vom Arbeitsklima und der Aufgabe begeistert.

"Das tat nicht gut, immer so alleine vor sich hin wursteln. Der Schnuppertag war ein wunderschöner Tag. Mit diesem tollen Team, mit dieser Kollegialität - und die Dankbarkeit und die Zufriedenheit von unseren Gästen. Das hat mir gut getan."

Auch finanziell hat sich der Wechsel für die 52-Jährige gelohnt. Die Sozialstation bezahlt ihre Beschäftigten nach AVR, dem Tarifvertrag christlicher Einrichtungen. Das bedeutet, die Beschäftigten bekommen Urlaubsgeld, Weihnachtsgeld und Betriebsrente. Über ein Arbeitszeitkonto können sie sich ein Sabbatical, die frühere Rente erarbeiten oder in Pflegezeit gehen. Sie werden bei Fortbildungen unterstützt. Es gibt Angebote, wie Rückentraining, Kaffee und Wasser sind kostenlos. Arbeitskleidung und Tablets werden gestellt. Im Außendienst können die Pflegekräfte ihre Dienstautos auch mit nach Hause nehmen. Die Idee dahinter: Wer gute Arbeitsbedingungen hat, arbeitet auch gut und gerne. Das muss nicht zwingend Kosten verursachen.

Mitarbeitende der Sozialstation bei der Arbeit  (Foto: SWR)
Die Sozialstation Klettgau-Rheintal hat 180 Mitarbeitende und ihren Sitz in Grießen (Kreis Waldshut)

"Das ist so, dass man auf die Wünsche der Mitarbeiter eingeht, damit die sich auf die Arbeit konzentrieren können und nicht noch ans Auto oder an die Kittel denken müssen. Das ist alles für sie erledigt. Und wir haben auch noch nie eine Leistung zurück genommen oder so was. Es ist immer etwas dazu gekommen, im Laufe der Jahre."

Der Vorteil der Sozialstation ist, dass sie gemeinnützig arbeitet. Träger sind die örtlichen Kirchengemeinden. Sie müssen nicht gewinnorientiert arbeiten und keinen Profit abwerfen. Trotzdem macht sich auch Geschäftsführer Christoph Siebler Sorgen um die Zukunft.

Auch bei ihm gehen in den nächsten Jahren viele Beschäftigte in Rente, auch bei ihm fehlt es an Nachwuchs. Für das nächste Lehrjahr hat er noch keine Auszubildenden finden können. Er hat deshalb eine Internet-Kampagne gestartet. "Sozial schaffe" heißt sie. Wobei das alemannische "schaffe" - für arbeiten - ganz bewusst steht. Die Hoffnung ist, dass die Internet-Kampagne zeigt, die Arbeitsbedingungen in der Pflege sind mancherorts besser als ihr Ruf.

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Petra Jehle