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Die Diskussion in Frankreich über die Schließung des Akw Fessenheim hat sich erst mit der Präsidentschaft von François Hollande geändert. Das sagt Jürg Stöcklin, Präsident des Trinationalen Atomschutzverbandes.

Erst ein Verzweiflungsakt der französischen Regierung hat es möglich gemacht, dass Fessenheim nun endgültig stillgelegt wird. Das sagte der TRAS-Präsident Jürg Stöcklin im Interview mit SWR-Reporterin Juliane Rummel - und er blickte kritisch auf die Rolle des Betreibers Électricité de France (EDF).

Rummel: Warum kam der Widerstand damals überwiegend aus der Schweiz und Deutschland und nicht von den Franzosen selbst?

Stöcklin: Ich denke, in Frankreich war die Bewegung von Anfang an auch sehr stark. Sie hat sich nur anders artikuliert. Als wir 2005 den Trinationalen Atomschutzverband gegründet haben - und bis heute - sind nicht sehr viele Gemeinden Mitglied geworden. Das hat sehr viel mit der Gemeindeautonomie in Frankreich zu tun. Als dann Fukushima kam, haben wir Resolutionen lanciert, die von Gemeinden, Parlamenten und Städten verabschiedet wurden. Das waren insgesamt mehr als 160 Resolutionen, und ein Drittel davon stammt aus Frankreich.

Rummel: Welche Rolle haben der damalige Präsident François Hollande und Ségolène Royal gespielt, die zu der Zeit Umweltministerin war?

Stöcklin: Nach Fukushima war die Ankündigung von Hollande, dass er Fessenheim schließen will, sehr wichtig. Sie hat dazu geführt, dass die Debatte anders verlaufen ist. Vorher wollte man nichts hören von einer Schließung. Und dann war da eine Kraft, die ja dann auch in der Regierung vertreten war, die Fessenheim schließen wollte. Dass es dann noch einmal etliche Jahre gedauert hat, hat etwas damit zu tun, dass die EDF, der Betreiber, so etwas ist wie ein Staat im Staat. Die EDF hat sich erfolgreich, leider auch mit der Unterstützung der Aufsichtsbehörde, gegen diese Schließung gewehrt. Es gab dann ein Dekret von Ségolène Royal, dass Fessenheim jetzt geschlossen werden muss. Dieses Dekret war eine Art Verzweiflungsakt der Regierung, weil es illegal war und dann auch vom obersten französischen Gericht kassiert wurde. Und es ist jetzt erst die Regierung Macron, die sich gegen die EDF durchsetzen konnte. Allerdings muss man auch sagen, dass die EDF eine sehr hohe finanzielle Entschädigung rausgeholt hat - was natürlich nicht toll ist.

Rummel: Gehen wir zum Beginn der Bewegung zurück. Wie haben Sie sich denn am Anfang organisiert? Hat das sozusagen im Wohnzimmer angefangen und ist dann größer geworden? Wie entstand 2005 der TRAS daraus?

Stöcklin: Einerseits waren das spontanen Kundgebungen. Das war die Zeit der Bürgerinitiativen, dass man sich organisiert hatte. Fast in jeder größeren Ortschaft, in jeder Stadt gab es Bürgerinitiativen, die sich mit Atomkraft auseinander gesetzt haben, die sich natürlich auch schlau gemacht haben. Man hat ja lange erzählt, das sei eine völlig unproblematische Energie, billig, gefahrlos. Damals ist die Auseinandersetzung darum gegangen, ob das stimmt. Schon damals spielten alternativen Experten, die den staatlichen Experten Paroli geboten haben, eine ganz wichtige Rolle.

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