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Bei Schneesturm mit kurzen Hosen auf den Schauinsland: im April 1936 hatte ein englischer Lehrer eine Schülergruppe zu dieser Gewalttour getrieben. Fünf Jungen sind dabei erfroren. Bernd Hainmüller hat dazu nun ein überraschendes Buch herausgebracht.

Es ist der 17. April 1936: Ein scharfer Wind peitscht über die Hänge des Schauinsland. Schneesturm ist angesagt. Eine englische Schülergruppe ist seit dem Morgen auf den Beinen und kämpft sich mit leichter Kleidung durch den Schnee, angetrieben von Kenneth Keast, ihrem Lehrer. Augenzeugen beschreiben einen jämmerlichen Anblick. Die Jungen sind blau angelaufen und schlottern vor Kälte.

Bei Schneesturm querfeldein

Doch allen Warnungen und Hilfsangeboten zum Trotz: Lehrer Kenneth Keast setzt die geplante Wanderung mit seinen 27 Schülern fort. Und zwar querfeldein, die Kappler Wand hoch, die eine Geländesteigung von 70 Prozent hat. Dort sind bereits die ersten Schüler zusammengebrochen und mussten mitgeschleppt werden.

Die Entscheidung des Lehrers endet in der Katastrophe. Fünf Schüler sterben an Erfrierungen. Ein noch schlimmeres Unglück verhindert nur die nächtliche Rettungsaktion der Einwohner des Dorfes Hofsgrund.

Hainmüllers "Tod am Schauinsland“ gibt neue Erkenntnisse

"Tod am Schauinsland“ ist der Titel des Buches von Bernd Hainmüller. Bei seiner Buchvorstellung im Freiburger Stadttheater schütteln die Zuhörenden vor Unverständnis den Kopf. Denn der Lehrer wird für seine Fehler nie belangt.

Tod am Schauinsland 1936: Als "Engländerunglück“ ist dieses tragische Ereignis vielen in der Region bekannt. Der Regionalhistoriker Bernd Hainmüller hat 20 Jahre dazu geforscht und jetzt ein Buch herausgebracht. (Foto: SWR, Isabel Röder)
Das "Engländerunglück“ 1936: Der Regionalhistoriker Bernd Hainmüller hat 20 Jahre zu diesem tragischen Ereignis geforscht und jetzt ein Buch herausgebracht. Isabel Röder

Warum wurde der Lehrer nie zur Rechenschaft gezogen?

20 Jahre hat der Regionalhistoriker über das "Engländerunglück“ geforscht. Das Buch, das er nun herausgebracht hat, stellt den bisherigen Ablauf des Unglücks auf den Kopf. Nachdem Hainmüller jahrelang Archive durchkämmt und mit Nachfahren gesprochen hatte, gelang ihm letzten Oktober der Durchbruch. Da fand er im Staatsarchiv überraschend ein Puzzleteil: 200 Seiten Ermittlungsakten der Freiburger Staatsanwaltschaft.

Darin Augenzeugenberichte und die Forderung des Oberstaatsanwalts, den Lehrer wegen fahrlässiger Tötung anzuklagen. Doch die britischen Ermittler hatten daran kein Interesse. Alle Ermittlungsakten wurden an das Generalkonsulat geschickt, wurden übersetzt, aber nicht in die Untersuchungen des London City Council aufgenommen.

Keine Ermittlungen: England glaubte Nazi-Propaganda

Stattdessen glaubten die Briten der Version der Nationalsozialisten. Diese hatten in Deutschland längst eine Heldengeschichte verbreitet. Sie propagierten die Legende, dass der Lehrer 22 Jungen in einem plötzlich eintretenden Schneesturm das Leben gerettet habe. Ein Lehrer als Held – die Schüler als Kämpfer, das passte zu den deutsch-britischen Beziehungen der Zeit, die sich damals noch in Freundschaft übten.

Tod am Schauinsland 1936: Die Überlebenden Schüler wurden zu Statisten in einem pompösen Totenkult, hier vor der Jugendherberge, 4. von rechts Ken Osborne, ganz links Douglas Mortifee. (Foto: Stadtarchiv Freiburg/Verlag Rombach)
Tod am Schauinsland 1936: Die Überlebenden Schüler wurden zu Statisten in einem pompösen Totenkult, hier vor der Jugendherberge, 4. von rechts Ken Osborne, ganz links Douglas Mortifee. Stadtarchiv Freiburg/Verlag Rombach

Dass es eigentlich anders war, bringen Bernd Hainmüllers akribische Recherchen 85 Jahre später nun ans Licht.

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