Leere Ampullen des Impfstoffs gegen das Coronavirus von Moderna stehen auf einem Tisch. (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild | Robert Michael)

Interview zu Diskussion über EMA-Richtlinien

Dosierungsvorgaben: Impfstützpunkt Freiburg weist Vorwürfe zurück

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AUTOR/IN
Robert Wolf und Michael Hertle
ONLINEFASSUNG
Dorothee Soboll

Hat sich der Impfstützpunkt Freiburg über Dosierungsvorgaben für den Impfstoff von Moderna hinweggesetzt? Darüber wird gerade in Freiburg diskutiert. Der leitende Arzt wehrt sich.

In einem Artikel der Badischen Zeitung wird dem Freiburger Impfstützpunkt vorgeworfen, sich über die Zulassung der Europäischen Arzneimittelagentur (EMA) hinwegzusetzen. Denn es soll in manchen Fällen für Booster-Impfungen die volle statt die halbe Dosis des Impfstoffs von Moderna verabreicht werden. Darüber hat SWR-Moderator Robert Wolf mit Thorsten Hammer gesprochen, dem leitenden Arzt des Impfstützpunkts Freiburg.

SWR: Verstößt der Impfstützpunkt gegen Richtlinien der EMA?

Thorsten Hammer: Nein, das tut er nicht. Wir haben uns im Vorfeld lange Gedanken gemacht und uns abgesichert. Wir sind ein Standort, der von einer Universitätsklinik betrieben wird. Auch im Hinblick auf die Omikron-Variante und das Datenmaterial, das bei unseren Mitarbeitern erhoben wurde, haben wir die Entscheidung getroffen, den Menschen für eine volle Dosis eine Empfehlung auszusprechen - aber aufzuklären, dass die Ständige Impfkommission eine halbe Dosis beim Boostern empfiehlt.

SWR: Warum wird in machen Fällen die volle Dosis empfohlen?

Thorsten Hammer: Die Ständige Impfkommission sagt, dass bei Patienten, bei denen eine Schwächung des Immunsystems vorliegt, jetzt schon die volle Dosis empfohlen wird, weil man genau weiß, dass deren Immunsystem nicht adäquat antwortet. Menschen mit einem angeborenen oder erworbenen Immundefekt oder wer Medikamente nimmt, die das Immunsystem einbremsen, wird bereits empfohlen, die volle Dosis zu verwenden. Wir haben das jetzt aber auch auf mehr Menschen ausgeweitet mit der Erfahrung unserer Zahlen und im Ausblick auf die Omikron-Variante, was bis dahin darüber bekannt war.

SWR: Dem Impfstützpunkt wird vorgeworfen, dass die Menschen erst bei aufgezogener Spritze aufgeklärt worden sein sollen, ob die volle oder halbe Dosis kommt. Was sagen Sie dazu?

Thorsten Hammer: Das kann ich nicht ganz nachvollziehen. Wir handeln hier ganz streng nach dem Medizinprodukte-Gesetz. Die Impfdosen werden vorher aufgezogen und auf entsprechenden Tabletts platziert, damit sie nicht herunterfallen und nicht verwechselt werden können. Aktuell gibt es bei uns ja nur den Impfstoff von Moderna, aber die Tabletts sind klar gekennzeichnet, damit wir sehen, welcher Impfstoff darauf steht. Weil wir die volle Dosis empfehlen, ist die volle Dosis aufgezogen gewesen.

SWR: Über 30-Jährige bekommen in Freiburg keinen Booster mit Moderna, wenn sie bei der Zweitimpfung Biontech bekommen haben. Ist das ein Alleingang des Freiburger Impfstützpunkts?

Thorsten Hammer: Da muss man im Sinne der Ständigen Impfkommission argumentieren. Die klassische und sogenannte 1A-Version der Empfehlung sagt genau das. Es muss eine entsprechende Grundimmunisierung abgeschlossen sein, dann kann man die mRNA-Impfstoffe von Moderna und Biontech äquivalent verwenden. So legen wir in Freiburg die Empfehlung der Ständigen Impfkommission aus. Menschen, die eine Erstimpfung mit Astra, eine Zweitimpfung mit Biontech oder eben eine Erstimpfung mit Johnson & Johnson und dann mit Biontech hatten oder genesen sind und Biontech bekommen haben, bekommen aktuell in Freiburg Biontech, bis die Grundimmunisierung abgeschlossen ist.

"Wir wissen sehr wohl, dass das in anderen Stellen anders gehandhabt wird."

Thorsten Hammer: Es gibt noch eine Ausweich-Impfempfehlung, diese ist aber politisch getriggert aufgrund der Impfstoffknappheit. Die Ständige Impfkommission sieht in dem entsprechenden Passus der Ausweich-Empfehlung vor: Wenn der jeweilige Impfstoff nicht verfügbar sei, könne der andere verwendet werden. Wir wollen den Menschen aber den bestmöglichen Schutz gewähren und führen die entsprechende 1A-Version durch. Deswegen müssen wir die Menschen eventuell um ein paar Tage vertrösten oder sie zu einem anderen Impfzentrum schicken, wo sie Biontech bekommen.

Empfehlung der Ständigen Impfkommission

Der aktuelle Beschluss der Ständigen Impfkommission beim Robert Koch-Institut zur Covid-19-Impfung

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