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Die Impfstrategie ist klar: die über 80-Jährigen werden zuerst geimpft. Allerdings können viele von ihnen gar nicht in die Impfzentren fahren. Vor allem, wenn sie bettlägrig oder dement sind. Die Pflegedienste sehen das gelassen. Sie haben sich in der Pandemie eingerichtet.

Nicole Westerhoff ist Krankenschwester und arbeitet seit acht Jahren für die Caritas in der Sozialstation St. Verena in Waldshut-Tiengen. Thrombosestrümpfe anziehen, Diabetesmedikamente kontrollieren, Wunden einreiben – all das gehört zu ihren Aufgaben. Und seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie kam noch einiges dazu: "Wir waren der Frisörersatz zum Beispiel. Viele ältere Damen gehen gerne einmal die Woche und lassen sich die Haare waschen. Aber das ist ja komplett weggefallen. Also haben wir das auch übernommen“.

Corona bislang gut gemeistert

Auch wenn das halbe Gesicht von einer Maske verdeckt ist, Augen und Gestik der Pflegerin strahlen eine überraschende Zufriedenheit und Fröhlichkeit aus. Kein Gejammer über zu viel Arbeit, zu wenig Unterstützung oder zu wenig Geld. Klar, das Corona-Jahr sei schon eine Herausforderung gewesen, sagt sie, doch im Team hätte man sich gut unterstützt. „Wenn jemand ausgefallen ist, war das kein Thema, dass man einspringt. Man hat sich nie allein gefühlt und konnte immer fragen, wenn was unklar war. So sind wir da durchgeschippert.“

Pflegefahrzeuge vor der Sozialstation St. Verena in Waldshut-Tiengen  (Foto: SWR, Petra Jehle)
Pflegefahrzeuge vor der Sozialstation St. Verena in Waldshut-Tiengen Petra Jehle

Bei 60.000 Hausbesuchen kaum Infektionen

Die Sozialstation St. Verena hat gut Kurs gehalten: von den 24 Mitarbeiterinnen waren nur zwei und von den 130 Patientinnen und Patienten sogar nur einer mit Corona infiziert. Ein Bild, dass sich auf alle seine Sozialstationen übertragen lässt, sagt Rolf Steinegger, der bei der Caritas am Hochrhein für 550 Pflegekräfte und sechs Sozialstationen verantwortlich ist. Auch er sieht die positiven Seiten. "Man muss sich das mal vorstellen: Diese 550 Mitarbeiterinnen machen 60.000 Hausbesuche. 60.000 Mal Tür rein, Tür raus und weiter. Da sind wir dankbar, dass nicht mehr Corona-Einschläge waren. Das ist sicher ein großes Quäntchen Glück, aber es zeigt auch das Profiverhalten unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.“

Immer mehr Anfragen nach Impfterminen

Die wüssten sehr genau, wie mit einem solchen Virus umzugehen sei. Die Schutzmaßnahmen würden funktionieren, und zwar solange es nötig ist, sind Rolf Steinegger und Nicole Westerhoff überzeugt. Zwar wären sie froh, wenn ihre Arbeit durch eine Impfung wieder sicherer und einfacher würde. Doch noch sei nicht klar, wann und wie sie und ihre Patienten geimpft werden können. "Ich denke, es kommt zu gegebener Zeit“, so die Krankenpflegerin geduldig. "Aber die Patienten und Angehörigen warten natürlich auf den Impfstoff. Da gibt es jetzt schon immer mehr Anfragen.“

Wann geimpft wird, ist unklar

Die Anfragen können – noch - nicht beantwortet werden, erklärt Rolf Steinegger. Diskussionen darüber, wer innerhalb der ersten Gruppe früher und später geimpft wird, sind für ihn schon wegen des aktuellen Impfstoffmangels überflüssig. Er will die Zeit und Kraft lieber nutzen, um Lösungen zu finden. Denn viele seiner Patientinnen und Patienten können gar nicht transportiert werden oder beim Hausarzt ins Wartezimmer sitzen.

Pflegebedürftige bei der Impforganisation wenig bedacht

Diese Personengruppe habe man bei der Impforganisation bisher noch zu wenig im Blick, meint der Caritasmitarbeiter. "Unsere Expertise ist angefragt, wie man das lösen könnte. Da ist noch ein wenig Hirnschmalz notwendig. Wir arbeiten daran.“ Man sei aber zuversichtlich, denn es gebe eine große Offenheit in den Landkreisen.

Etwas bereitet dem Optimisten Rolf Steinegger allerdings doch Sorgen. Das sind die Debatten um Impfpflicht, Vorteile für Geimpfte, um Verschwörungstheorien und andere krude Ideologien. Die gesellschaftliche Polarisierung empfindet er als die große Belastung. Diese Stresspotentiale würden auch an ihm und den Pflegekräften der Sozialstation nicht spurlos vorbeigehen.

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