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Das Musik-Informationszentrum und das Allensbach-Institut belegen in einer neuen Studie: Mehr als 14 Millionen Menschen in Deutschland engagieren sich in ihrer Freizeit musikalisch. 19 Prozent der Bevölkerung - denen seit etwa einem Jahr vor allem das gemeinsame Musizieren fehlt.

Vielen Menschen, die sich auch in Südbaden in ihrer Freizeit als Amateur-Musiker:innen engagieren fehlt seit der Corona-Pandemie vor allem die musikalische Harmonie, das gemeinsame Proben, die Auftritte - schlichtweg das Gemeinschafts-Erlebnis unter Gleichgesinnten. Nina Ruckhaber aus Freiburg ist im Vorstand der deutschen Chorjugend. Sie hat die Basis quasi im Blick und im SWR-Interview Antworten gegeben auf Fragen wie: Was bedeutet die Pandemie für die Amateur-Musik? Wie erleben Sie das selbst? Wie wirkt sich das auf den Nachwuchs aus?

Frau Ruckhaber wie viele Chöre und Orchester haben in den letzten Monaten wohl schon aufgegeben - was meinen Sie?

Nina Ruckhaber: Naja, aufgegeben - hoffen wir nicht allzu viele. Aber es ruht natürlich einfach seit einem Jahr. Also der reguläre Proben- und Konzertbetrieb ist aus medizinisch nachvollziehbaren Gründen massiv eingeschränkt, auch größtenteils verboten. Im Prinzip ist unsere Szene verstummt. Also wir haben nahezu kompletten Stillstand und wir leben jetzt - man muss es leider so sagen - im Virtuellen. Das heißt, wir proben online und schauen, wie wir da weiter kommen.

Ist aber auch nicht so wirklich die Lösung. Viele sitzen den ganzen Tag schon vor den Computern und haben abends dann keine Lust mehr?

Nein, natürlich. Man würde sich so sehr freuen einfach wieder zusammenzukommen. Aber es ist einfach gerade die einzige Chance. Und es ist eine enorme Anstrengung, auch in der Online-Welt quasi die Energie in einer Gruppe aufrechtzuerhalten. Also man sieht wöchentlich die gewohnten Gesichter, aber man hört sich nicht. Es ist natürlich doch deutlich was anderes.

In dieser Studie des Deutschen MusikInformationszentrums ist herausgekommen, dass etwa ein Drittel aus dem Bereich der Amateur-Musik seltener musiziert während der Pandemie und sogar die Hälfte nur aller Chorsängerinnen und Chorsänger. Das ist wirklich traurig, oder?

Absolut. Also ich glaube, wir sind einfach eine Szene, die es sehr, sehr stark trifft. Aber ich habe den Glauben, dass wir auch mit voller Power und Wucht wiederkommen, sobald es wieder möglich ist. Ich glaube, wenn dort dann Verbände, Vereine und viele gute Aktionen kommen und innovative Projekte, die wieder quasi zum Singen mobilisieren, haben wir eine große Chance, dass wir wieder zurückkehren zur Normalität. Dann, wenn es erlaubt ist.

Ist denn im Moment etwas geplant? Die Chor-Szene in Freiburg oder auch in Südbaden ist ja so groß. Was nimmt man sich vor für den Sommer jetzt, für die warmen Monate?

Naja, wir warten und im Prinzip alle auf die Regelungen: Wann darf man wieder draußen zusammenkommen mit mehreren Leuten? Wann darf man draußen singen? Es gibt erste Ansätze mit Open-Air-Veranstaltungen, es gibt kleine, vage Sing-Festivals, die sich herausbilden - Mann versucht natürlich aufzugreifen, was geht. Ich selber bin beim Open-Air-Sommer im Baseler Hof hier in Freiburg aktiv und wir planen gerade, welche Konzerte wir Münster machen können. Ich singe im Jazzchor Freiburg und hatte die große Freude, dass wir eine Sondererlaubnis bekommen haben und singen durften. Wir durften vor zwei Wochen ein Streaming-Konzert geben, aus dem Jazzhaus heraus und es war so eine Freude sich in der Gruppe wiederzusehen. Natürlich wurden wir alle getestet, wir hatten alle viel Abstand und natürlich wurde alles beachtet, was es zu beachten galt. Aber es war einfach so ein schönes Gefühl, nach so langer Zeit wieder gemeinsam zu singen. Und da merkt man wirklich, was man vermisst in dieser Zeit absolut.

Jetzt noch eine andere Frage: Präsenzunterricht in der Schule, volle Klassen, wenn es um Mathematik und Deutsch geht. Aber selbst Einzelunterricht in Trompete oder Bratsche, mit viel Abstand und Trennscheibe zum Beispiel, auch singen in ganz kleinen Gruppen - da ist bei einer Inzidenz von 50 schon wieder Stopp. Zeigt das an in unsrer Bildungslandschaft, welchen Stellenwert die musikalische Bildung hat?

Leider ja. Wir wünschen uns natürlich alle, dass wir so ein bisschen mehr wie die Sport-Szene behandelt werden. Also im Sportbereich ist weitaus mehr möglich. Da vermissen wir so ein bisschen die Perspektive der Politik, dass sie wirklich die Musik-Szene, die Chor-Szene nicht nur als Amateur-Musik-Szene ansehen, sondern auch wahrnehmen, dass dort ja viele professionelle Musiker arbeiten und davon leben. Wir wünschen und sehr, dass wir gleich behandelt werden und dass es wieder Möglichkeiten gibt. Weil ich glaube einfach, dass man das nicht unterschätzen darf, wie essenziell diese Stütze ist. Also wir sind einfach so eine große Gemeinschaft und wir sind eine wichtige Sozialisations-Instanz in Deutschland und die Amateur-Musik darf einfach nicht vergessen werden. Natürlich schauen wir neidisch: Kontaktfreier Sport ist wieder erlaubt. Amateur-Musik - wir sind ja immaterielles Kulturerbe - und dass das weiterhin verboten ist gerade, ist natürlich sehr traurig.

Vielen Dank, Nina Ruckgaber vom Jazzchor Freiburg und Medien-Vorstand der Deutschen Chorjugend für diese aktuelle Einschätzung.

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