Skelett-Funde von Lepra-Toten verzögern Neubau in der Freiburger Altstadt (Foto: Pressestelle, Landesamt für Denkmalschutz)

Massengrab bei Bauarbeiten entdeckt

Was Lepra-Skelette über das Freiburger Mittelalter erzählen

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Bis 1251 reichen Hinweise auf ein großes Leprahospiz in Freiburg zurück. Fast 800 Jahre später stößt ein Baggerfahrer auf einen menschlichen Schädel. Und Archäologen auf noch viel mehr.

Als der Bagger in der Freiburger Kronenstraße mit seiner Arbeit begann, hatte er schnell den ersten Schädelknochen auf der Schaufel. Inzwischen sind eineinhalb Jahre vergangen. In dieser Zeit haben Grabungsfirmen über 400 weitere Skelette ans Licht gebracht. Denn das Baugrundstück, so hat sich herausgestellt, liegt auf einem früheren Leprafriedhof.

Von der Straße aus ist die Bedeutung dieser Baustelle kaum zu erkennen. Eingeklemmt zwischen zwei Villen aus der Gründerzeit steht in der Freiburger Kronenstraße ein weißes Zelt. Zwei Männer bearbeiten mit Schaufeln und Kellen den Boden einer geplanten Tiefgaragen-Einfahrt. Der hintere Teil des Hauses ist schon fertig. 1,7 Meter hat sich Grabungsleiter Laurin Stöckert mit seinen Kollegen der Firma Südwest Archäologie in die Erde gearbeitet. Heute haben die Archäologen drei Skelette freigelegt, erzählt Stöckert: "Hier sind sie jetzt nicht komplett vollständig. Also da unten fehlen die Unterschenkel, die wurden durch ein jüngeres Grab beschädigt. Dort fehlt der Kopf, dafür haben wir hier eine gut erhaltene Kniescheibe. 700 Jahre alt - und noch topp in Schuss."

Archäologen finden bei Rettungsgrabungen 400 Skelette

Rettungsgrabungen nennen die Archäologen die schnellen Einsätze vor Bauarbeiten. Ein Skelett pro Tag sei da ein guter Schnitt, sagt Stöckert. In der Kronenstraße wurden in den letzten eineinhalb Jahren 400 Skelette ausgegraben - menschliche Überreste eines mittelalterlichen Lepra-Friedhofs: "Das ist noch ein Langfingerknochen. Dem geht's gut, der hatte keine Lepra." Stöckert zeigt auf die Handknochen eines anderen Skeletts. Dort sind die Zeichen der Krankheit heute noch sichtbar: "Bei dem hier hat man schon an der Seite des Fingers Anzeichen, dass eine Seite sich zurückgebildet hat. Normalerweise sind die Enden gleich groß und an der Seite sind die Enden kleiner."

Im Mittelalter galten Lepra-Kranke als lebende Tote

Rund 2.000 Gräber vermutet Bertram Jenisch vom Landesamt für Denkmalschutz auf dem Friedhof. Genutzt wurde er vom 13. bis ins 16. Jahrhundert. Damals lag das Gelände zusammen mit dem Siechenhaus für die Kranken außerhalb der Stadtmauer: "Wenn diese Erkrankung bei einem Menschen festgestellt worden ist, ungeachtet ob das ein Armer oder Reicher war, wurde er von der Gesellschaft ausgesondert. Er durfte keinem Beruf mehr nachgehen und galt praktisch als lebender Toter."

Radikale Abschottung bei Lepra - und zwar ein Leben lang

Mit dieser Methode versuchten Menschen im Mittelalter die Ausbreitung ansteckender Krankheiten zu stoppen. Ein Thema, das für Jenisch gerade in Corona-Zeiten eine unfreiwillige Aktualität hat: "Man macht sich ja Gedanken, wie geht eine Gesellschaft mit Menschen mit ansteckenden Krankheiten um." Die Knochen sollen deswegen in einem Forschungsprojekt weiter untersucht werden. Für den Transport packen Grabungsleiter Stöckert und sein Team die Funde in Tüten.

Freiburger Lepra-Friedhof vermutlich noch viel größer

Sie hoffen, in ein paar Tagen fertig zu werden. Im Bereich der Tiefgarageneinfahrt wären dann alle Skelette geborgen - die Ausmaße des kompletten Friedhofs seien jedoch viel größer, so Stöckert: "Von hier bis wahrscheinlich drei Häuser weiter erstreckt sich dieser Friedhof. Eine genaue Grenze haben wir noch nicht, und selbst unter der Kronenstraße könnte es sich noch weiterziehen." Doch dort lässt man den Lepra-Toten ihre Ruhe.

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