Krieg in der Ukraine

So geht es den ukrainischen Kindern nach ihrer Ankunft in Freiburg

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Charlotte Schönberger
Charlotte Schönberger, Redakteurin und Reporterin beim SWR (Foto: Katja Madžar)
Katharina Seeburger
Eine Frau mit dunkelblonden Haaren lacht in die Kamera. Ihre Haare sind etwas länger als schulterlang. Katharina Seeburger trägt einen gestreiften Pullover in blau, rosa und grau. (Foto: SWR, Laura Könsler)
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Dorothee Soboll
Dorothee Soboll, SWR Studio Freiburg (Foto: SWR)

167 Kinder und ihre Betreuerinnen und Betreuer sind drei Tage nach dem Kriegsausbruch in der Ukraine nach Freiburg gekommen. Sie sind sehr dankbar für die Hilfsbereitschaft.

Vier Tage ist es her, dass 167 Kinder und Jugendliche und ihre Betreuerinnen und Betreuer aus der Nähe von Kiew nach Freiburg gekommen sind. Das nimmt die Stadt Freiburg zum Anlass, in einer Pressekonferenz unter freiem Himmel über die aktuelle Lage zu informieren.

"Wir treffen uns hier in unfassbar dunklen Tagen", sagt Oberbürgermeister Martin Horn. "Jeden Tag, fast jede Stunde kommen neue Horrornachrichten aus der Ukraine, die uns ein Stück weit fassungslos machen." Aber, so Horn, die Nachrichten würden auch Solidarität wecken. Die Erleichterung am Sonntag, als die Kinder aus der Nähe von Kiew in Freiburg angekommen sind, sei spür- und sichtbar gewesen. Horn dankte der Freiburger Stadtmission, den Rettungskräften und den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Stadt, die sich um die weitere Betreuung der Kinder und Jugendlichen kümmern.

Ausschnitt aus der Sendung SWR Aktuell Update vom 3.3.2022:

Wie geht es den Kindern und Jugendlichen aktuell?

Die Flucht nach Freiburg war stressig, da galt es erst einmal, anzukommen. Die Ankunft sei von allen Seiten sehr herzlich gestaltet worden, sagt Horn. "Es war schön zu sehen, wie die Kinder nach der ersten Stunde wieder angefangen zu haben, mit einem Ball zu spielen", berichtet er. Es kommt auch Roman Kornijko, Leiter des Kinderheims "Vaterhaus", zu Wort. Sichtlich bewegt, mit Tränen in den Augen sagt er: "Ich finde kaum Worte, um meine Dankbarkeit für diesen Empfang zu äußern." Er dankt der Stadt, dem "S'Einlädele" und allen Beteiligten.

Bei einer Pressekonferenz der Stadt Freiburg berichten die Heimleiter Natascha und Roman Kornijko aus der Nähe von Kiew, wie es den ukrainischen Kindern nach der Ankunft geht (Foto: SWR, Charlotte Schönberger)
Bei einer Pressekonferenz der Stadt Freiburg berichten die Heimleiter Natascha und Roman Kornijko aus der Nähe von Kiew, wie es den ukrainischen Kindern nach der Ankunft geht

Die Kinder haben in ihrem Leben schon vor dem Kriegsausbruch viele schlimme Dinge erlebt, berichtet Kornijko. "Deswegen sind sie besonders empfindlich für Schrecken und Angst", sagt er. Die Kinder haben sich drei Tage lang sehr ruhig verhalten, was zeigt, dass sie unter großem Stress standen. "Kleine Kinder haben nicht geweint, nicht gelacht, keine Streiche gemacht, sie waren angespannt." Das werde jetzt langsam wieder besser.

"Als wir zu Ihnen gekommen sind, haben unsere Kinder ihre Kindheit zurückbekommen."

Eltern und jüngste Schwester zurückgelassen

Oleksandr Bohdanov, einer der Jugendlichen, der aus der Ukraine nach Freiburg geflohen ist. Er ist 17 Jahre alt, hat drei Schwestern. Seine jüngste Schwester, ein Jahr und zehn Monate alt, ist bei den Eltern in der Ukraine geblieben. (Foto: SWR, Charlotte Schönberger)
Oleksandr Bohdanov, einer der Jugendlichen, der aus der Ukraine nach Freiburg geflohen ist. Er ist 17 Jahre alt, hat drei Schwestern. Seine jüngste Schwester, ein Jahr und zehn Monate alt, ist bei den Eltern in der Ukraine geblieben.

Einer der Jugendlichen ist Oleksandr Bohdanov, auch Sascha genannt. Der 17-Jährige hat drei Schwestern. Die jüngste Schwester, ein Jahr und zehn Monate alt, ist bei den Eltern in der Ukraine geblieben. Er erzählt von Videos, die seine Mutter ihm schickt. "Ich kann da sehen, dass meine Mutter immer verweinte Augen hat. Gestern habe ich eine gute Nachricht bekommen: Meine Eltern und meine kleine Schwester verlassen die Ukraine. Ich mache mir trotzdem Sorgen, weil es ein langer Weg durch die Ukraine ist." Auch er ist sehr dankbar für den Empfang in Freiburg.

"Als wir im Bus waren, wussten wir nicht, wohin wir fahren. Wir hatten nicht erwartet, dass wir von Ihnen so viel Liebe erfahren."

Wo werden die Kinder und Jugendliche künftig untergebracht?

Die Jugendherberge stehe nicht endlos zur Verfügung, heißt es seitens der Stadt. "Wir haben schon eine Alternative", sagt Ulrich von Kirchbach, der Erste Bürgermeister der Stadt Freiburg. Das sei schon gelöst. Derzeit sei aber nicht geplant, die Gruppen auseinanderzureißen.

"Wir haben Vorkehrungen getroffen, dass die, die in der Jugendherberge sind, in eine andere Einrichtung kommen."

Mittelfristig Schulaufenthalt geplant

Christine Buchheit, die Bürgermeisterin für Jugend und Schule, berichtet über eine enge Zusammenarbeit mit dem Jugendamt und dem städtischen und staatlichen Schulamt. "Mittelfristig soll es Kinderbetreuungsangebote geben", sagt sie. Auch der Schulaufenthalt soll möglich sein, "damit die Kinder und Jugendlichen bei uns ankommen, Deutsch lernen und weiter gefördert werden."

Sehr große Hilfsbereitschaft für Menschen in der Ukraine

Ob Hoteliers, die Zimmer anbieten, Menschen, die ihre Kinderzimmer zur Verfügung stellen oder Geld spenden, die Hilfesbereitschaft sei immens. Aktuell sind laut Horn 250.000 Euro auf dem städtischen Hilfskonto zusammengekommen. Diese Gelder gehen laut Oberbürgermeister für konkrete Hilfe direkt in die Partnerstadt Lwiw (das frühere Lemberg).

Die aktuelle Situation in der Freiburger Partnerstadt Lwiw (Lemberg)

Lwiw (das frühere Lemberg), die Partnerstadt Freiburgs, im Westen der Ukraine ist laut Horn das Nadelöhr auf der Fluchtroute gen Westen. Dort werden zahlreiche Verwundete versorgt, so Horn. Ein großer Notstromgenerator sei organisiert, dafür warte man noch auf die Ausfuhrgenehmigung. Außerdem seien drei große Sattelschlepper auf dem Weg in die Ukraine. Horn dankte auch dem Land Baden-Württemberg für die Unterstützung. Auch wenn es ein Tropfen auf den heißen Stein sei, hält Horn das als Zeichen für Solidarität sehr wichtig. Er hofft, dass es gelingt, einen Hilfskorridor nach Lwiw zu organisieren, damit die Hilfsgüter noch schneller ankommen.

Busfahrer sind inzwischen in die Ukraine zurückgekehrt

Die Busfahrer, die die Kinder gerettet hatten, sind wieder in die Ukraine zurückgekehrt. An Bord der Busse waren viele Hilfsgüter für die Menschen in ihrer Heimat. Die Männer erwartet nach ihrer Ankunft eine ungewisse Zukunft: Sie sind zurückgekehrt, um sich beim ukrainischen Militär zu melden und für ihr Land zu kämpfen.

Task-Force Ukraine der Stadt Freiburg

Der Erste Bürgermeister der Stadt, Ulrich von Kirchbach, berichtet über die Task-Force Ukraine, die die Stadt eingerichtet hat. Am Montag, 7. März, soll sie das erste Mal tagen, dann zwei bis drei Mal die Woche unter der Leitung des Oberbürgermeisters. "Was am Wochenende lief, ist das Warmlaufen", so von Kirchbach und meint damit die Bilder von Flüchtenden, überwiegend Frauen mit Kindern. Er weist darauf hin, dass diese Aufgabe nur gemeinsam zu bewältigen sei: von Land, Städten und Gemeinden.

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