STAND

An Allerheiligen 1872 war auf dem alten Friedhof in Freiburg die letzte Beerdigung. Danach wurde er zum Park erklärt. Jetzt wohnen dort der ehemalige Gartenamtsleiter mit seiner Frau.

Leben auf einem alten Friedhof? Elisabeth Utz und ihr Mann hatten sich für das 250 Jahre alte Häuschen bei der Stadt Freiburg beworben, doch als dann die Zusage kam, bekam Elisabeth Utz kalte Füße und schlug aus: "Da habe ich erstmal gesagt, nein, das ist mir zu exponiert, das Wohnen da. Das ist so besonders und ich will ganz stinknormal leben. Wir waren in einem eigenen Haus. Dann waren wir in der Toskana im Urlaub und da waren so schöne, alte Häuser und ich hab immer wieder an das Haus hier gedacht und mein Mann auch. Dann haben wir gesagt: Komm, wir versuchen es nochmal zu drehen, wir machen es jetzt doch."

Wie es sich - umgeben von Gräbern - wohl so anfühlt? Elisabeth Utz machte den Test: "Als wir so geschwankt haben, bin ich mal abends, als es dunkel war, durchgelaufen und dachte: Wenn es mich jetzt gruselt, dann ist es nichts. Es kam nichts, also Geister oder etwas in der Richtung und dann hab ich gedacht: Ja, passt."

Bernhard Utz kann sich, seit er in Ruhestand ist, endlich seinen Hobbys widmen. Der ehemalige Leiter des Freiburger Gartenamts war auch für den Alten Friedhof und das Häuschen zuständig: "Es war sehr gut, dass meine Frau Zeit hatte und sozusagen Bauleiterin gespielt hat. Ich war ja noch im Beruf und wir haben hier einen Zustand angetroffen, der schon sehr sanierungsbedürftig war."

Dass er vom Haus direkt in die Kirche gelangt, gefällt Bernhard Utz besonders gut. Hier überwintern ihre Kübel-Pflanzen. Die Kirche wird ausschließlich für Veranstaltungen benutzt, auch darum kümmert sich das Paar. Bernhard Utz genießt die Atmosphäre hier: "Das ist natürlich schon sehr schön, dass man einfach immer wieder mal hier hin sitzen kann und ausruhen. Doch das macht Spaß."

Einmal in der Woche ist Enkelkinder-Tag. Von klein auf kommen Flora und Tino nach der Schule vorbei und bleiben auch über Nacht. Ihr gemeinsames Ritual: Spielen. Auf diesen Tag freuen sich alle vier - es wird gespielt, lecker gekocht - die Enkel werden verwöhnt.

Von allen Fenstern aus kann man auf die Gräber sehen, das hat es Elisabeth Utz besonders angetan, denn "ich neige ein wenig zum Perfektionismus und wenn ich so raus sehe aus dem Fenster und sehe die Grabsteine, denk ich, was soll denn das, Perfektion? Man lebt und irgendwann ist es fertig und das finde ich irgendwie beruhigend für mich."

Bernhard Utz kennt viele Geschichten zu den einzelnen Gräbern. Das wohl berühmteste Grab ist das eines Mädchens, das mit 17 Jahren an Tuberkulose starb. Ein Verehrer legte danach Blumen auf ihr Grab. Daraus hat sich eine Art Brauch entwickelt. Auch heute noch liegen täglich frische Blumen dort - für Bernhard Utz ist es das schönste Grab.

Seit 20 Jahren lebt das Ehepaar Utz nun in ihrem Häuschen auf dem alten Friedhof im Freiburger Stadtteil Herdern. Sie fühlen sich wohl hier: "Nachdem ich hier angekommen bin, möchte ich auch nicht mehr weg. Eigentlich will ich da nur mit dem Sarg raus getragen werden. Ja, so ist mein Plan."

STAND
AUTOR/IN