Ein Pfleger begleitet eine alte Dame im Pflegeheim. (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa | Christoph Schmidt)

Angst vor Personalmangel

Rottweiler St. Franziskus Stiftung in Sorge wegen Pflege-Impfpflicht

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Die Impfpflicht für Pflegekräfte wurde bereits im Dezember beschlossen. Über eine allgemeine Impfpflicht wird derzeit im Bundestag debattiert.

Während im Bundestag aktuell über eine Impfpflicht für die gesamte Gesellschaft diskutiert wird, ist diese für manche Berufsgruppen bereits beschlossene Sache. Am 10. Dezember haben Bundestag- und Bundesrat das Gesetz verabschiedet. Für Thorsten Hinz, den Vorstand der St. Franziskus Stiftung in Heiligenbronn bei Rottweil eine übereilte Entscheidung. An über 30 Standorten kümmern sich etwa 2.400 Angestellte der Stiftung um alte Menschen, Menschen mit Behinderung und sind in der Kinder- und Jugendarbeit tätig. Knapp 200 Mitarbeitende seien dem Vorstand zufolge derzeit nicht geimpft. Sollte das Betretungs- und Arbeitsverbot am 15. März zur Folge haben, dass diese Angestellten nicht mehr arbeiten dürfen, hätte das dramatische Folgen für die Stiftung.

"Die Folge wäre ein Aufnahmestopp weil die Menschen nicht mehr in der Form versorgt werden könnten, wie sie es eigentlich erwarten dürften."

Neben Aufnahmestopps könnte es außerdem dazu kommen, dass pflegebedürftige Menschen, die bereits in einer entsprechenden Einrichtung untergebracht sind, diese wieder verlassen müssten und sogar ganze Einrichtungen geschlossen werden könnten. Bei der St. Franziskus Stiftung sehe man derzeit drei von 14 Altenpflegeeinrichtungen als kritisch an. Schon ab zwei bis drei Prozent Personalausfälle, habe man Probleme damit, die Dienstpläne zu füllen. Dabei gehe es nicht nur um den Wegfall der Ungeimpften. Man sorge sich vor einer Kettenreaktion. Seit Beginn der Pandemie haben schon einige Pflegekräfte ihrem Beruf den Rücken gekehrt. Die zunehmenden Belastung im Beruf hätten viele nicht mehr ausgehalten. Wenn es nun dazu kommt, dass Ungeimpfte nicht mehr weiterarbeiten dürfen, steigt die Belastung auf die verbleibenden Pflegekräfte weiter an. Man befürchte eine Art Kettenreaktion, die weitere Kündigungen zur Folge hätten.

Impfpflicht nur für Pflege sorgt für Unmut

Zu Spannungen zwischen Geimpften und Ungeimpften in den Pflegeeinheiten sei es nur in einem einzelnen Fall gekommen, so Monika Gutbrod, Mitarbeitervertreterin in der Altenhilfe. Es sorge vor allem für Verunsicherung und viel Unmut, dass eine Impfpflicht nur für die Pflege eingeführt wurde. Schließlich sei die Pandemie ein gesamtgesellschaftliches Problem.

"Die Mitarbeiter sind überlastet und aus der Gesellschaft und der Politik kommt keine Unterstützung oder Rückendeckung."

Unklare Konditionen für Arbeitsverbote verunsichern

Für Verunsicherung sorgt auch, dass bis heute nicht klar ist, unter welchen Konditionen ein Arbeitsverbot von den Gesundheitsämtern verhängt wird. Es ist unklar, ob das Verbot abhängig von Regionen, Landkreisen, landes- oder bundesweit verhängt wird. Ebenso unklar sei, ob das Verbot beispielsweise an die 7-Tage-Inzidenz oder die Hospitalisierungsinzidenz geknüpft wird. Dem Stiftungsvorstand zufolge hätten einige Mitarbeitende bereits Zwischenzeugnisse beantragt. Viele von ihnen möchten eigentlich gerne in ihrem Beruf weiterarbeiten. Doch bei einer Impfpflicht nur für den Pflegesektor, würden nun eben viele einen Berufswechsel in Betracht ziehen.

"Mit einer Impfpflicht nur für Pflegekräfte werden wir langjährige Mitarbeiter verlieren."

Das hätte vielerorts auch einen Fachkräftemangel zur Folge. Denn in Deutschland müssen 50 Prozent der Belegschaft ausgebildete Fachkräfte sein. Selbst wenn die Politik diese Quote aussetzen würde, mache sich der Mangel an Fachkräften im Berufsalltag natürlich bemerkbar, so Hinz.

Stiftungsvorstand setzt auf Proteinimpfstoff Novavax

Hoffnung setzt der Stiftungsvorstand auch in die Zulassung des Proteinimpfstoffs von Novavax. Dadurch könnten sich einige vielleicht doch noch von einer Impfung überzeugen lassen. icht nachvollziehbar ist für Hinz auch, dass in dem Gesetz zur Impfpflicht für Pflegekräfte bisher nur die Erst- und Zweitimpfung verankert ist. Dabei sei laut Wissenschaftlern für die Omikron-Variante doch gerade die Booster-Impfung entscheidend. Eine Nachjustierung des Gesetztes sei allein deswegen zwingend nötig.

"Es kann nicht sein, dass man bestimmte Berufsgruppen nochmal besonders fordert oder überfordert mit einer Situation, die sie mit der Pandemie eh schon bis ins Extrem haben.“ 

Auch deswegen stehe man mit der Politik im Austausch. Nichtsdestotrotz hätte man sich von Seiten der Stiftung gewünscht, dass man nicht aus einer angespannten Situation heraus ein Gesetz für Pflegekräfte verabschiedet hätte, das die Situation nun nur weiter verschärfen wird. Sollte im März eine Impfpflicht für alle beschlossen werden, bestünde zumindest die Chance darauf, das Gesetz nachzujustieren.