Wissenschaftliche Aufarbeitung der Nachkriegsgeschichte

Rastatter Prozesse: über Täter, Verteidiger und Henker aus Südbaden

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Mitläufer, kleine Beamte, Wärter und Aufseher: sie haben die Nazi-Diktatur erst möglich gemacht und standen ab 1946 bei den Rastatter Prozessen vor Gericht. Die Aufarbeitung hat gerade erst angefangen.

Obwohl die Rastatter Prozesse zu den größten Kriegsverbrecher-Prozessen der Alliierten nach dem zweiten Weltkrieg gehören, sind sie kaum bekannt. Grund ist, dass die Gerichtsakten erst seit Kurzem zugänglich sind. Eine der wenigen, die zu diesem Thema forscht, ist Marlene Kottmann von der Universität Freiburg. Mit der Rechtshistorikerin, die auch in der SWR-Dokumentation über die Rastatter Prozesse mitgewirkt hat, hat sich SWR-Moderatorin Marion Eiche unterhalten.

SWR: Frau Kottmann, Sie haben Gerichtsakten von mehreren hundert Verfahren gesichtet. Sind Ihnen neben Schirmeck und Haslach noch weitere Fälle aus Südbaden begegnet?

Kottmann:Ja, in dem Verfahren, in dem es um Haslach ging, ging es auch noch um weitere Lager. Zum Beispiel in Niederbühl und in Gaggenau. Das waren Außenlager von Natzweiler und auch von Schirmeck. Es gab auch in Offenburg ein sogenanntes mobiles KZ. Das waren Baubrigaden der SS, die auf dem Gelände der Reichsbahn Kriegsschäden beseitigen mussten. Das ist auch in einem Verfahren in Rastatt gelaufen. Es gab aber noch viele weitere Fälle. Es zeigt nicht nur, wie verzweigt das Lagersystem war unter der NS Herrschaft, sondern es gab auch Fälle, die ganz andere Hintergründe hatten als Konzentrationslager. So zum Beispiel das Wehrmachtsgefängnis Freiburg, wo eine Tötung eines polnischen Deportierten auch in Rastatt verhandelt wurde, die zwei Polizisten in Freiburg begangen hatten.

Wurden in Rastatt auch Kriegsverbrechen verhandelt, die nicht in der Region verübt wurden, deren Täter aber von hier stammen?

Ja, wir haben zum Beispiel einen Täter: Hans Baumgart. Das war ein Lehrer aus Freiburg, der auch sehr früh in die NSDAP eingetreten ist und in der SS tätig war. Unter anderem war er Lagerführer in einem Außenlager von Ravensbrück auf der Insel Usedom. Er wurde wegen des Befehls der Tötung von zwei Häftlingen in Rastatt später zu lebenslänglicher Zwangsarbeit verurteilt.

(Anmerkung der Redaktion: Hans Baumgart (geb. 1905) wurde bereits Mitte der 50er Jahre begnadigt und aus der Haft entlassen. Er war danach wieder in Freiburg als Lehrer tätig.)

  Wie ist denn der Prozess gegen Baumgart abgelaufen?

Also Baumgart hat sich darauf berufen, dass ihm ein Vorgesetzter den Befehl gegeben hat, der Lagerleiter vom KZ Ravensbrück. Das ist eine sehr typische Vorgehensweise gewesen in den Prozessen, dass Angeklagte sich damit verteidigt haben, dass Vorgesetzte den Befehl gegeben haben. Später hat er dann auch diesen Lagerführer aus Ravensbrück im Prozess belastet und dann haben sie sich gegenseitig die Schuld in die Schuhe geschoben. Man muss vielleicht immer dazu sagen, dass das zugrunde liegende Kontrollratsgesetz "Handeln auf Befehlt" nicht als Entschuldigungsgrund gewertet hat.

Bei Ihren Recherchen sind Sie auch auf einen Verteidiger gestoßen, der aus Freiburg kommt. Wer war das und was wissen Sie über ihn?

Drischel war sein Name. Der hatte in Freiburg Jura studiert, war hier Anwalt und hat eben auch Angeklagte aus der Region in Rastatt verteidigt. Er ist aber auch dadurch sehr namhaft geworden, dass er ein Mitglied der IG Farben in den Nürnberger Prozessen verteidigt hat.

Sie haben in den Gerichtsakten auch Fahrtkostenabrechnungen von Endingen am Kaiserstuhl nach Rastatt gefunden. Was hat es damit auf sich?

In Endingen am Kaiserstuhl lebte Wilhelm Burkhard, der aus einer alten Scharfrichterfamilie am Kaiserstuhl kam. Er wurde dann auch nach dem 2. Weltkrieg vom Justizministerium angefragt, ob er wieder tätig werden könnte bei der Vollstreckung von Totenstrafen. Das wurde er dann auch in Rastatt. Man hat eine Guillotine gesucht, mit der dann Todesstrafen vollstreckt werden konnten. Zuerst wurden die durch Erschießen vollstreckt und dann mit einer Guillotine. Wilhelm Burkhard war der zuständige Scharfrichter und musste dann immer vom Kaiserstuhl nach Rastatt anreisen.

Wie viele Todesurteile wurden bei den Rastatter Prozessen vollstreckt und wie steht es in diesem Zusammenhang mit dem Vorwurf, dass das eine "Siegerjustiz“ gewesen ist?

Insgesamt, sagt die französische Statistik, haben wir 104 Todesurteile von denen letztlich 62 vollstreckt worden sind. Es ist dann also doch eine größere Anzahl von Tätern später begnadigt worden. Das ist mit vielen Tätern geschehen, auch bei Haftstrafen. Der Vorwurf der "Siegerjustiz“ - das war in der gesellschaftlichen Debatte der 40er und 50er Jahre ein sehr geläufiger Begriff. Man muss das heute allerdings sehr differenziert betrachten, weil durchaus eine sehr große Bemühung bei den Franzosen und auch bei anderen Alliierten da war, diese Prozesse rechtsstaatlich auszugestalten. Wir hatten durchaus Verfahrensregeln, die auch die Angeklagten schützen sollten, wie zum Beispiel das Recht auf einen Verteidiger. Nichtsdestotrotz gibt es am Ende natürlich immer Urteile, die vielleicht im Einzelfall nicht immer gerecht ausgefallen sind oder wo Strafen vielleicht besonders hart waren.

Frau Kottmann, vielen Dank für die Einblicke in Ihre Forschungsarbeiten.

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